Kelletat / Tashinskiy (Hg.): Übersetzer als Entdecker

(Dies ist die ungekürzte Fassung der Rezension, die in Übersetzen Nr. 02/2016 in gekürzter Fassung abgedruckt ist.)

Andreas F. Kelletat / Aleksey Tashinskiy (Hg.): Übersetzer als Entdecker

Ihr Leben und Werk als Gegenstand translationswissenschaftlicher und literaturgeschichtlicher Forschung (TransÜD. Arbeiten zur Theorie und Praxis des Übersetzens und Dolmetschens. Band 66). Frank & Timme, Berlin, 2014

Das grandiose Projekt des Germersheimer Online-Übersetzerlexikons UeLEX wird von einer Reihe Symposien begleitet. Das zweite im Juni 2013 galt dem „Übersetzer als Entdecker“ und ist in einem Sammelband dokumentiert. Dieses Motto geht zurück auf den Dichter und Übersetzer, engagierten Mentor (eben nicht) kleiner Literaturen und Germersheimer Ehrendoktor Manfred Peter Hein und seinen Anspruch, der Übersetzer sei zwingend zum Entdecker berufen –  zum Beispiel um „jene auszustechen, die seit eh und je dem Scheitern der Hoffnung auf ausgleichende Begegnung randständiger und etablierter Literatur erfolgreich assistieren.“ Zu prüfen war, ob der Entdeckerbegriff – „innovatives translatorisches Handeln im weitesten Sinne“ – als Relevanzkriterium für die Aufnahme ins Lexikon dienlich sein konnte. Inzwischen dürfte er, weil doch zu exklusiv, wieder verworfen sein. Wie überhaupt ein Vergleich zwischen dem im Band diskutierten Stand und dem Lexikon in seiner aktuellen Gestalt, mit zwei Dutzend ersten Einträgen und einem präzisierten Erstellungsleitfaden, erkennen lässt, wie gut die Arbeit seither voranging. Das UeLEX spricht bereits für sich!

So enthält der Band einige schon historisch zu lesende Suchbewegungen und Selbstverständigungen, die freilich dem Leser, der Sinn und Notwendigkeit eines Übersetzerlexikons erstmals bedenkt, einen guten Einstieg bieten. Dass es, mehr noch als um den Übersetzer als Entdecker, um die Entdeckung des Übersetzers geht, gewissermaßen um seine Geburt, ist keineswegs nur als Kalauer hinsichtlich des poststrukturalistischen Diktums vom „Tod des Autors“ (Roland Barthes) zu verstehen. UeLEX-Mitbegründer Aleksej Tashinskiy nimmt in seinem Beitrag die ansprechende strukturtheoretische Herleitung eines Paradigmenwechsels vor; die daraus resultierenden Fragen (Wie soll das „translatorische Subjekt“ in Erscheinung treten, wenn nicht mehr nur in seinen Abweichungen und Kontingenzen bzw. in der Perfektion seiner Unsichtbarkeit?) sind unmittelbar programmatisch für das Projekt.

Näher vorgestellt wird das an der Hochschule Södertörn entwickelte Svenskt översättarlexikon, welches den Germersheimern als Prototyp diente. Im hinteren Teil bietet der Band eine Anzahl anregender Fallstudien (einige davon inzwischen zu Lexikonartikeln geworden), deren methodische Ansätze so mannigfaltig sind wie die von ihnen aufgerufenen kulturgeschichtlichen Kontexte. Wir lesen über August Wilhelm Schlegel und die Brüder Stolberg im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, über Richard Wilhelm, Franz Kuhn und Karl Klammer in der ersten, Hermann Buddensieg, Eugen Helmlé und Iain Galbraith sowie die übersetzenden Autoren Erich Arendt und Wolfgang Hildesheimer in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Evident hierbei, wie schwierig die Quellenlage selbst schon bei Biografien des eben vergangenen Jahrhunderts sein kann, auch weil Übersetzungen nur unzuverlässig gesammelt und bibliografiert, Übersetzernachlässe kaum archiviert werden. (Exemplarische Ausnahmen im Literaturarchiv Marbach und im Karl-Deduktiv-Archiv an der Viadrina kommen zur Sprache.) Vieles ist und viele sind bereits verloren, das UeLEX auch in diesem Sinn eine späte, doch glückliche, vielverheißende Geburt.

Inzwischen wurden zwei weitere Symposien abgehalten –  zu „Mikro- und Makrostruktur“ (2014) und „Übersetzer im Exil“ (2015)  –, deren Ergebnisse in einen gemeinsamen Band bei Frank & Timme finden sollen.