(Hier folgen die ungekürzten Fassungen der Laudatio und der Dankesrede, die in Übersetzen Heft 1/2026 in gekürztes Version abgedruckt sind)
Laudatio
Literaturpreis „Christine“
Preisverleihung am 15.11.2025 in Erfurt
Dulce Chacon: „Was Hortensia nicht mehr erzählen konnte“
Übersetzung Friederike Hofert, Verlag w_orten&meer
Liebe Friederike Hofert, liebe Marianne Eppelt vom Verlagsteam von w_orten & meer, liebe BücherFrauen,
ich freue mich, heute hier im Namen der Jury die Laudatio auf die Gewinner*innen des diesjährigen BücherFrauen-Literaturpreises halten zu dürfen. Ich spreche von Gewinner*innen im Plural, weil wir heute mit diesem Preis nicht nur den beeindruckenden Roman „Was Hortensia nicht mehr erzählen konnte“ und dessen Autorin Dulce Chacón auszeichnen möchten, sondern auch eine herausragende Übersetzungsleistung von Friederike Hofert und eine mutige verlegerische Entscheidung von w_orten & meer.
In den letzten Monaten haben meine Jurykolleginnen Kristine Listau und Magda Birkmann und ich uns immer wieder getroffen, mal online, mal persönlich, um über die elf sehr unterschiedlichen Bücher auf der Longlist des BücherFrauen-Literaturpreises zu diskutieren. Bei unseren immer lebhaften, oft lustigen, manchmal auch kontroversen Diskussionen hat ein Buch von der ersten Jurysitzung an bei allen dreien von uns einen ganz besonderen Gesprächsbedarf ausgelöst. Nicht etwa, weil unsere Meinungen darüber so weit auseinandergegangen wären, dass wir uns darüber streiten mussten – vielmehr hatte „Was Hortensia nicht mehr erzählen konnte“ uns alle drei von der ersten Seite an so gefesselt, dass wir einen großen Teil unserer Treffen damit verbrachten, gemeinsam zu ergründen, was uns an diesem Roman so begeistert. Dass es dann eben auch genau dieses Buch wurde, das wir als Jury einstimmig mit dem diesjährigen BücherFrauen-Literaturpreis auszeichnen möchten, ist daher nur folgerichtig.
Dulce Chacóns Roman ist 2002 unter dem spanischen Originaltitel „La voz dormida“, also „Die schlafende Stimme“, erschienen und wurde seinerzeit mit einem der bedeutendsten spanischen Literaturpreise ausgezeichnet. Dennoch hat es über zwei Jahrzehnte gedauert, bis der Roman ins Deutsche übersetzt wurde. Eine Nachlässigkeit, die dank dem Verlag w_orten & meer und der Übersetzerin Friederike Hofert nun endlich berichtigt wurde.
Es gibt einiges zu sagen zu diesem vielschichtigen Buch, dem wir wünschen, dass es von sehr vielen Menschen gelesen wird. Dieses literarische Kunstwerk vereint viele Aspekte, die angesprochen werden müssen, um es auch angemessen zu würdigen.
Da ist zunächst der sprachlich starke Text, dann natürlich die beeindruckende Geschichte, die er erzählt, und schließlich die Autorin Dulce Chacón selbst, der es ein wichtiges Anliegen war, die spanische Geschichte aus der weiblichen Perspektive neu zu erzählen.
Da ist die Poesie des Textes, die Sprache, der ganz eigene Sound, kurz die literarische Kunst, mit der Dulce Chacón die vielen authentischen Geschichten, die sie gehört hat, in eine unverwechselbare Sprache gebracht hat.
Da ist die herausragende stimmige Übersetzung von Friederike Hofert. Im Nachwort erläutert sie ihre Herangehensweise und ermöglicht so eine zusätzliche Verständnisebene für den Text. Uns als Jury hat die übersetzte Sprache sehr beeindruckt. Nur eine gute Übersetzerin schafft es, eine Geschichte so in die andere Sprache zu setzen, dass das Besondere klar wird, die Leser*innen sich aber nie fragen müssen, wie es sich wohl in der Originalsprache anfühlte. Man spürt keine Diskrepanz; sobald man anfängt zu lesen, ist man in der Geschichte, verfolgt diese, bewundert die Sprache und den Rhythmus, ohne dass es jemals knarzt, etwas unstimmig erscheint und man deswegen aus der Geschichte rausfällt. So zu übersetzen, dass man die Literatur anerkennt und gleichzeitig sich in der Sprache zu Hause wähnt, ist die Kunst, die wir mit diesem Preis ebenfalls auszeichnen wollen.
Da sind die spezifischen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, die im Roman verhandelt werden, die Rolle und die vielfältigen Kämpfe von Frauen in der Zeit der Zweiten Spanischen Republik, des Bürger*innenkriegs und in den folgenden Jahrzehnten der Franco-Diktatur und Verfolgung.
Und damit verbunden auch die Frage nach der Erinnerung: danach, was eigentlich erinnert wird, was untergeht, was verhindert wird, in die Geschichtsschreibung oder auch nur in die Familiengeschichten aufgenommen zu werden.
Da ist die Tatsache, dass uns dieses Buch überhaupt zugänglich gemacht wurde. Das haben wir dem Verlag w_orten & meer zu verdanken und einer besonderen Zusammenarbeit zwischen Verlag und Übersetzerin. Wir sehen hier, wie wichtig unabhängige Verlage sind, denn sie sind es, die die besonderen Themen und Buch-Perlen entdecken und der Gesellschaft zugänglich machen. Damit eng verwoben ist die Qualität der unabhängigen Buchhandlungen, sie machen solche Bücher vor Ort sicht- und erlebbar, sind im engen Kontakt mit Lesenden und greifen oftmals deren Anregungen auf. Nicht zuletzt spielt auch dieser Literaturpreis eine besondere Rolle, denn durch ihn wird dieses Buch in den Fokus gestellt und interessant für eine größere Öffentlichkeit.
Diese Vielfalt der Unabhängigen gilt es zu bewahren.
Es ist ein Glück und es ist gleichzeitig traurig: Ein Glück, weil uns die Autorin Dulce Chacón dieses Buch hinterlassen hat, traurig ist, dass sie so früh gestorben ist und wir ihr den Preis nicht mehr persönlich überreichen können. Wir würdigen ihr Wirken und ihr literarisches Werk.
Dulce Chacón war eine politische Autorin, die sich mit der Franco-Diktatur und insbesondere mit der Geschichte der Frauen, ihrer Verfolgung und ihrem Widerstand auseinandergesetzt hat und eine andere als die vorherrschende Erzählung zu diesem bedeutenden Abschnitt der spanischen Geschichte verfassen wollte.
Sie hat fünf Romane und fünf Gedichtsammlungen veröffentlicht. „Was Hortensia nicht mehr erzählen konnte“ wurde 2002 mit dem Azorín-Preis für den besten spanischen Roman ausgezeichnet und 2011 verfilmt.
Dulce Chacón starb 2003 an Krebs.
Die Übersetzerin Friederike Hofert lebt in Halle/Saale und übersetzt aus dem Englischen und Spanischen, „forscht zum Zusammenhang von Macht und Literaturkontakt und arbeitet mit jeder Übersetzung daran, diesen zu untergraben“ (Zitat Website) – was wir hier sehen können und ganz besonders würdigen.
Worum geht es?
Im Mittelpunkt des Romans steht eine Gruppe von im Gefängnis inhaftierten Frauen nach dem Spanischen Bürger*innenkrieg, der 1939 endete – während der darauffolgenden Franco-Diktatur.
Chacón erzählt, wie die Frauen unter grausamen Haftbedingungen zusammenhalten, sich gegenüber den Aufseherinnen behaupten und trotz ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten solidarisch sind und sich gegenseitig unterstützen. Im Zentrum stehen die hochschwangere Hortensia und ihre Familie außerhalb des Gefängnisses; ihre Schwester sowie ihr Lebensgefährte, der ein bekannter Kämpfer in den Brigaden gegen Franco ist und der nach Frankreich fliehen muss.
Sie erzählt von Hunger und Folter, von der Unberechenbarkeit der Wärterinnen, Erniedrigung und davon, wie sich die Gruppe der Frauen mit vielen kleinen überlebenswichtigen alltäglichen Handlungen über Wasser hält, sich gegenseitig ermutigt und ihre Menschlichkeit untereinander verteidigt und lebt.
Da ist Reme, Mutter von fünf Kindern und Großmutter, zu zwölf Jahren verurteilt, weil sie eine republikanische Fahne genäht hat, Tomasa, die zuschauen musste, wie ihre Familie ermordet wurde. Elvira, auch die kleine Rothaarige genannt, hat einen Bruder, der auf der Seite der Republik steht, deshalb wurde sie eingesperrt. Alle sind viele Jahre im Gefängnis, meist ohne Gerichtsverhandlung, ohne Urteil und ohne zu wissen, wann und ob sie jemals freigelassen oder hingerichtet werden.
Hortensia ist nicht nur eine Mutmacherin und Streitschlichterin, sondern sie nutzt jede Gelegenheit, um alles Wichtige und das, was sie ihrem ungeborenen Kind mitteilen möchte, in ein kleines blaues Heft zu schreiben, das ihre Schwester ins Gefängnis geschmuggelt hat. Sie schreibt auch für Felipe, ihren Liebsten, von dem sie nicht einmal sicher weiß, ob er noch lebt.
Die Frauen halten sich gegenseitig aufrecht, sie sorgen füreinander, sie pflegen die Kranken, sie sparen das Essen, um es mit denen zu teilen, die es nötiger haben. Sie wärmen sich, sie ermutigen sich in einer Situation des vollkommenen Ausgeliefertseins, in der die Machthabenden kaum eine Methode auslassen, die Frauen zu schikanieren. Drastische Strafen wie Isolationshaft, Foltermethoden, Hunger, menschenunwürdige hygienische Bedingungen und psychisch belastende Schikanen wie Besuchsverbote für Angehörige sind an der Tagesordnung. Man muss dazu wissen, dass die Besuchsverbote eine besonders perfide Strafe waren: Die Machthabenden verfolgten bei der Inhaftierung absichtlich eine „Zerstreuungspolitik“: Sie wiesen die gefangenen Frauen in weit vom Heimatort entfernte Gefängnisse oder in zu Gefängnissen umfunktionierte Klöster ein (ja, auch die Nonnen waren zuverlässige Zuarbeiterinnen für die Faschisten), sodass Angehörige eine Reise dorthin gar nicht bezahlen konnten. Ein Besuchsverbot bedeutete dann, ein weiteres ganzes Jahr zu sparen, um es erneut zu versuchen.
All dem setzen die Frauen mutigen Widerstand entgegen. Tomasa weigert sich, einen Rosenkranz zu beten, obwohl sie weiß, dass sie dafür mit einem Besuchsverbot bestraft wird. Sie singen gemeinsam die Internationale in der Anwesenheit der Wärterin. Sie nähen heimlich Kleidung für die Guerilla.
Beispiel für die Menschlichkeit: S. 81 ff.
Die Autorin nutzt verschiedene Erzählperspektiven:
Sie erzählt vom Leben und vom täglichen Überlebenskampf der Verwandten und Mitstreitenden außerhalb der Gefängnisse, die die Inhaftierten unterstützten – mit Essen, mit Kleidung, mit Nachrichten, mit originellen Aktionen. Da ist Hortensias Schwester, die eigentlich mit Politik nichts zu tun haben wollte, aber nun zwangsläufig verwickelt ist und zu ihrem Ärger gefährliche Kurierdienste übernehmen muss. Zu allem Überfluss verliebt sie sich auch noch in den Kampfgefährten von Hortensias Mann und kommt deshalb ziemlich ins Schleudern. Das sind typische Geschichten im Buch, die das Tragische und manchmal heroische humorvoll auflösen, die zeigen, wie in all dem auch Alltag gelebt wird mit seinen schönen und lustigen Momenten, die in einer unmittelbaren, klaren und drastischen Sprache ausgedrückt werden, mit einem speziellen Witz und deftigen Flüchen – auch hier Respekt an die Übersetzerin. Das war sicherlich nicht einfach zu dosieren. Es sind diese Dialoge, die das Gefühl vermitteln, zuzuschauen, dabei zu sein, ein bisschen wie bei einem Theaterstück, das eine direkte emotionale Wirkung entfaltet.
Spannend sind auch die Dialoge, in denen die Genossinnen die Männer aufklären und für ihre patriarchalischen Einstellungen sehr direkt und auf den Punkt zurechtweisen.
(S. 281 vorlesen)
Dulce Chacón erzählt erstmals die Geschichte der vielen Frauen, die für die demokratisch gewählte Volksfront und gegen Franco gekämpft haben, deren erklärtes Ziel aber auch die Abschaffung der patriarchalen Unterdrückung gewesen ist. Diese hat naturgemäß in der reaktionären, erzkatholisch geprägten und damals noch halbfeudalen spanischen Gesellschaft auch in den kommunistischen und anarchistischen Gruppen existiert.
Es ist die Geschichte des übersehenen großen Anteils von Frauen in der spanischen Revolution und im darauffolgenden Bürger*innenkrieg. Tausende waren u. a. in den Mujeres Libres, einer anarchistischen Frauenorganisation, aktiv, kämpften in den internationalen Brigaden und waren nach dem Bürger*innenkrieg im Widerstand gegen die Franco-Diktatur, die ja immerhin bis in die Siebzigerjahre bestand, in einer Zeit also, in der Spanien bereits ein beliebtes Urlaubsland war.
Der Roman basiert auf historischen Tatsachen und ist konsequent aus der weiblichen Perspektive erzählt. Hortensia hat es tatsächlich gegeben.
Dulce Chacón hat dafür jahrelang recherchiert, und zwar hauptsächlich, indem sie Kontakte zu Überlebenden und den Angehörigen der Menschen hergestellt hat, die damals auf der Seite der Republik gekämpft haben, verfolgt und ermordet wurden oder verschwunden sind. Ein noch immer nicht aufgearbeitetes Thema in Spanien.
Sie hat die Menschen persönlich getroffen, mit ihnen gesprochen, ihre Erinnerungen aufgeschrieben, sie durfte unzählige private Briefe lesen und Erinnerungsstücke sehen, die in den Familien aufbewahrt wurden. Sie hat nicht nur das Material gesammelt und die Angehörigen interviewt, um einen Roman schreiben zu können, sondern ein großes Verdienst besteht zusätzlich darin, dass sie die Erinnerungen an die oftmals Vergessenen und die Tatsache, dass sie ihr zur Verfügung gestellt wurden, würdigt.
So nennt sie Namen und Quellen im Anhang des Buches. Dadurch können wir heute ermessen, welch immense Leistung ihre Erinnerungsarbeit und das Zusammenwirken mit den Angehörigen darstellt. Ebenso spürbar wird auch, wie dankbar die Menschen dafür waren, dass die Namen der Opfer, der Verfolgten, der Widerständigen genannt werden, lebendig bleiben und dass Dulce Chacón dafür gesorgt hat, dass sie nicht vergessen werden.
Die Aufarbeitung der Diktatur wurde lange verhindert und kommt heute nur langsam voran. Was Dulce Chacón auch angetrieben hat, war, dass die Erzählung von Francos Sieg allgegenwärtig war und die anderen Geschichten, die andere Realität beschwiegen wurde. Die Erinnerung ist umkämpft. Erst recht was den Anteil der Frauen betrifft.
Übersehen wurde der jahrzehntelange Widerstand und mit ihm auch, dass Tausende Frauen aktiv beteiligt waren: in den internationalen Brigaden, den Guerillakämpfen unter der franquistischen Diktatur und nicht zuletzt in den Gefängnissen.
Auch dieser Komplexität wird die Übersetzung gerecht. Friederike Hofert hat sich intensiv mit den Herausforderungen, die sich aus dem historischen Kontext ergeben, auseinandergesetzt. Der Alltagsgebrauch von Sprache, die Zeit, die gebräuchlichen Redewendungen, all das erforderte kreatives und innovatives Herangehen. Die vielen Dialoge sind lebendig und eingängig und gleichzeitig auch in der damaligen Zeit verortet. Alles wirkt stimmig und passend. Dass eine Übersetzerin in einem Begleittext ihre Arbeitsweise erläutert, wie sie das hier tut, ist nicht selbstverständlich. Die Lesenden können den Text dadurch noch einmal auf einer weiteren Ebene verstehen. Wir dürfen lernen, was diskriminierungssensibles Übersetzen praktisch heißt.
Wie geht man nämlich mit solchen Sätzen wie „Du siehst wie ein Junge aus“ um, wenn man sie diskriminierungskritisch übersetzen will? Um den Inhalt zu bewahren und gleichzeitig eine Distanz herzustellen, findet sie die Lösung: „Für ihn sah sie wie ein Junge aus“, womit sie implizit klarmacht, dass dies eine subjektive Wahrnehmung und keine allgemeingültige Feststellung ist.
Der Roman hat einen eigenwilligen sprachlichen Rhythmus, poetisch, emotional und alltäglich zugleich. Anrührende Passagen werden nicht selten mit drastischen Worten, Flüchen oder auch humorvoll gebrochen. Das macht den Roman zu einer bewegenden, spannenden und empowernden Lektüre.
Diese Hommage an die vergessenen Heldinnen des Spanischen Bürger*innenkriegs ist ein wichtiger Beitrag zur feministischen Geschichtsschreibung. Nicht zuletzt finden wir es in der aktuellen politischen Situation, in der sich die Frauen-/FLINTA-Bewegung in besonderer Weise mit einem Backlash auseinanderzusetzen hat, besonders wichtig, ein Signal zu setzen und ein Buch zu würdigen, das Frauen als kämpferische, widerständige und solidarische Aktivistinnen in den Mittelpunkt stellt. Der Roman ist empowernd und macht Mut, sich auch unter widrigen Bedingungen nicht anzupassen und Repressionen kreativ zu begegnen, sich für die eigenen Interessen einzusetzen, intersektional zu denken und miteinander solidarisch zu sein. Ein wichtiger Punkt auch für den Diskurs innerhalb der BücherFrauen.
***
Liebe Bücherfrauen, liebe Anwesende,
jetzt gerade, in diesem Moment, fällt es mir etwas schwer, das nachzuvollziehen, aber es gibt Momente, in denen ich vielen Erzählungen der Gegenwart hilflos gegenüberstehe. Wenn Rassismus zur wirtschaftlichen Notwendigkeit erklärt wird und an Außengrenzen tötet, zum Beispiel. Oder wenn die Toten eines Anschlags verhöhnt und die Aggressoren zu Freiheitskämpfern erklärt werden. Wenn eine rechte Buchmesse normalisiert und die dort verhandelten Talking-Points zu Familie und Zugehörigkeit in vermeintlich linksliberalen Medien als wertvolle Beiträge zu einer intellektuellen Debatte phantasiert werden, während jahrhundertealte feministische Diskurse dazu unsichtbar bleiben.
Und tatsächlich – es gibt Momente in denen diese Fassungslosigkeit die Frage nahelegt: Kann ich es eigentlich überhaupt noch rechtfertigen, Romane zu lesen und zu übersetzen? Mich mit Kunst zu beschäftigen, statt in Sachtexten, Büchern, Artikeln klare Argumente zu sammeln, um ein Menschenbild zu verteidigen, an das ich glaube? Ein Menschenbild aus dem der Glaube an eine solidarische Gesellschaft wachsen kann?
Ich glaube, wir alle in diesem Raum sind uns einig: Ich kann! Weil Belletristik uns eben andere Zugänge eröffnet. Sie kann vereinfachenden und menschenfeindlichen Erzählungen solche entgegensetzen, die Empathie und Solidarität wecken. Sie kann die Auswirkungen komplexer Sachverhalte stellvertretend und nachvollziehbar anhand von Einzelschicksalen abbilden. Sie kann uns Dinge zeigen, die wir sonst nicht gesehen hätten, weil Romane, Gedichte, Kurzgeschichten wie Gespräche mit Personen sind, denen wir sonst nicht begegnet wären.
Durch Dulce Chacóns Roman „La voz dormida“ begegnen wir einer Vielzahl von Personen. Es sind vor allem Frauen im Widerstand zur Franco-Diktatur. Frauen, die auf real existierenden Personen beruhen. Über Jahre hat Dulce Chacón Interviews mit Zeitzeuginnen geführt und aus ihren Geschichten die Figuren des Romans geformt. Chacóns Achtung für sie ist in jedem Satz spürbar. Mit wenigen zugänglichen Worten erschafft sie eine eindringliche Nähe zu den Protagonistinnen, die das, was ihnen geschieht beim Lesen auf erschütternde Weise nachfühlbar werden lässt: die Verfolgung, die Folter, die Gefangenschaft, den Tod, die Angst, die bis in den letzten Winkel des Lebens kriecht, die Unmöglichkeit, in solchen Zeiten ein unpolitisches Leben zu führen.
Ihre Geschichten, die selbst nach Francos Tod lange nicht erzählt werden konnten, werden so wieder greifbar, die Stimmen hörbar.
Diese Stimmen in all ihrer Eindringlichkeit für ein deutschsprachiges Lesepublikum zugänglich zu machen, bedeutet für mich nicht nur Mahnung daran zu übertragen, was es heißt, in einer faschistischen Diktatur zu leben, sondern auch daran, wie unsere Erinnerung von Erzählungen geformt wird. Chacóns Roman erschien 2002, fast 30 Jahre nach dem Ende der Franco-Diktatur und war trotzdem einer der ersten die das Ausmaß der faschistischen Gewalt wieder in das Bewusstsein der breiten spanischen Gesellschaft holte.
Und im deutschsprachigen Raum? Denken wir an die Geschichte Spaniens im 20. Jahrhundert, denken wir meist wohl eher an Ludwig Renn, Orwell, Hemingway, Ken Loach und vielleicht noch an Enzensberger: alles Blicke von außen, Blicke von Männern und Blicke, die sich spätestens 39 nach dem Fall der Republik abwenden.
Was dieses Ende der Erzählung zur Folge hatte, lässt sich leicht nachvollziehen, denn davon, wie wenig die danach noch knapp vierzig Jahre währende Diktatur im Bewusstsein der Bundesdeutschen ist, zeugt die bis heute nach der Legion Condor benannte Spanische Allee in Berlin und der bereits in den 60er Jahren beginnende bundesdeutsche Massentourismus in Spanien.
„Was Hortensia nicht mehr erzählen konnte“ erzählt die Geschichte nach 39 weiter. Aus einer dezidiert weiblichen Perspektive wird geschildert, was neben den ersten Hotelbunkern und hinter den überfüllten Stränden geschah: von den Gräueln der Diktatur, aber eben auch von dem Widerstand dagegen. Denn auch er endete nicht mit dem Abzug der Internationalen Brigaden.
Die Bildung von Solidargemeinschaften, Ungehorsam gegenüber den Aufseherinnen, Uniformen, die im Gefängnis heimlich für die kommunistische Guerilla genäht wurden, Hilfe, die von Angehörigen nicht unbedingt aus politischer Überzeugung, sondern aus Zuneigung geleistet wird: Die Formen des Widerstands der Protagonistinnen sind so vielschichtig wie sie selbst. Und die Nähe mit der Chacón sie beschreibt, beschwört ein Menschenbild herauf, dem ein Bedürfnis nach zärtlicher Solidarität, nach Ungehorsam und Widerstand innewohnt. Ein Menschenbild, das Mut macht und das sich sehr gut als Gegenerzählung zu autoritären Narrativen eignet.
Ich bin sehr froh darüber, dass diese Stimmen mit der Übersetzung „Was Hortensia nicht mehr erzählen konnte“ den Weg in den deutschsprachigen Raum gefunden haben. Und ich freue mich darüber, einen Teil dazu beigetragen zu haben. Einen Teil, denn auch um ein Buch in die Welt zu setzen, um all diese Stimmen hörbar zu machen, braucht es ein ganzes Dorf.
Es braucht mutige verlegende Menschen, die Bücher nicht nur als Produkt, sondern als ein Mittel dazu sehen, gegen die vergesslichen Erzählungen der Gegenwart anzuschreiben. Danke Lann Hornscheidt dafür, so ein Mensch zu sein. Danke, dass du mir von diesem Roman erzählt und mir seine Übersetzung anvertraut hast.
Und es braucht ein kleines Dorf, das mir in der Unvorhersehbarkeit meines Berufs immer wieder den Rücken freihält, damit ich Nachtschichten einlegen oder zum nächsten unvorhergesehenen Termin flitzen kann. Danke an Timm, Katharina und Tamino, die besonders in den letzten Wochen oft spontan Care-Arbeit übernehmen mussten. Danke an Mama für all die Geschichten mit denen ich aufwachsen durfte und für das Menschenbild, das du mir auch dadurch mit auf den Weg gegeben hast.
Es brauchte die vielen, vielen großartigen Kolleginnen, die mich auf dem Weg hierher unterstützt haben: Simone Jakob, die mir zu meinen ersten Schritten als Übersetzerin verhalf, Stephanie Jacobs, die mich jahrelang als Mentorin begleitete, und Marie Alpermann, die mir als Schreibtischnachbarin im Alltag so oft eine Stütze ist.
Es braucht genaue, geduldige und leidenschaftliche lektorierende Personen wie Anne Grunwald. Anne ist eine der vielen Kolleginnen, die der Buchbranche im Moment den Rücken kehren, weil die Arbeit für sie nicht mehr lebbar ist. Nicht die Abwertung, die unsere Arbeit erfährt und die sich oft in prekären Arbeitsbedingungen und immer öfter auch in der Vorstellung niederschlägt, wir wären ja eigentlich auch durch KI ersetzbar, und nicht die Angst vor der Kulturpolitik, die uns nach der nächsten Wahl erwartet. In einem ihrer letzten Lektoratsprojekte haben wir – so weit über das hinaus, wozu eine KI fähig ist – gemeinsam überlegt, wie wir Dulce Chacóns Roman in der Übersetzung gerecht werden können. Wie wir den Witz der einzelnen Figuren bewahren, die Sprache weder anachronistisch noch altbacken klingen lassen, wie wir ihn an feministische Diskurse anpassen oder welche Hilfestellung wir Lesenden bei der Erschließung historischer Umstände leisten sollten. Wir hatten viel miteinander zu tun in dieser Zeit. Danke Anne, dass es eine so schöne war.
Danke auch an Marianne Eppelt für die zugewandte und geduldige Zusammenarbeit und danke, dass du mich dazu bewegt hast, im Nachwort zur Übersetzung all die Überlegungen dazu festzuhalten.
Diese Nachwörter sind mittlerweile fast eine Tradition des Verlags w_orten & meer, in der sich die besondere Wertschätzung spiegelt, die ich und andere Übersetzende dort erleben. Danke überhaupt, dass ihr mich seit meiner ersten Übersetzung mit einer Zugewandtheit begleitet, die ich nur allen Kolleg*innen wünschen kann. Und danke für all die Erzählungen, die durch euch den Weg zu Lesenden finden.
Danke an die Jury, die all diese Arbeit und die Bedeutung des Buches gesehen hat und deren liebevolle Begründung für die Preisvergabe mich bis heute sprachlos macht. Und danke, dass ihr die Christine dieses Jahr an eine Übersetzung verleiht und dadurch die Arbeit von übersetzenden Personen sichtbar macht.
Danke an die Bücherfrauen für ihr unermüdliches Engagement. Es ist schockierend, wie sehr die Namensgeberin des Preises auf die tatsächlich jahrhundertealten Versuche verweist, Frauen und feministische Diskurse unsichtbar zu machen. Um so schöner zu sehen, wie vielfältig, wie schön und klug der Kampf dagegen ist. Es ist schön, hier und Zeugin dieses Engagements zu sein. Es ist schön zu sehen, was Romane eben können.
Mein letzter Dank soll aber Dulce Chacón gelten, die dieses Stück Erinnerung an die Frauen, ihren Mut und ihren Widerstand in den letzten Jahren ihres Lebens erkämpft hat. Sie verstarb bevor sie miterleben konnte, wie ihr Roman die gesamte Erinnerungskultur in Spanien auf den Kopf stellte und die lange zum Schweigen gebrachten Stimmen wieder gehört wurden. Danke Dulce, für dieses wunderbare Buch!