(Hier folgen die Laudatio und Dankesrede in ungekürzter Fassung, die in Übersetzen Heft 01/2026 in gekürzter Version abgedruckt sind).
Liebes Publikum,
sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Elisabeth Edl,
vor mehr als zwanzig Jahren erschien Elisabeth Edls Neuübersetzung von Stendhals Roman „Rot und Schwarz“ und ich schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung folgenden Anderthalbsatz:
„Eine grandiose Neuübersetzung: Stendhal wird entstaubt und leuchtet wie am ersten Tag.“
Ich kann mich noch genau erinnern, was ich dachte, als ich ihn schrieb. Ich dachte: Ein strenger Redakteur würde ihn mir streichen.
Ein kluger aber, so hoffte ich, würde ihn stehen lassen, und er – der Satz, nicht der Redakteur – würde auf dem Umschlag der nächsten Auflage von Elisabeth Edls Neuübersetzung von Stendhals „Rot und Schwarz“ stehen. Genau so ist es dann auch gekommen.
Warum dachte ich, ein strenger Redakteur würde mir den Satz streichen?
Die Behauptung, die er enthält, lässt sich kaum belegen, schon gar nicht auf dem Platz, den man für eine Zeitungsrezension zur Verfügung hat. Kann eine Übersetzung ein Werk „leuchtend wie am ersten Tag“ erscheinen lassen?
Nicht, wenn man der jungen Sprachwissenschaftlerin folgt, mit der ich kürzlich einen Disput über derartige Fragen hatte. Wer Stendhal lesen wolle, sagte sie, werde nicht umhinkommen, Stendhal zu lesen, also das Original. Eine Übersetzung sei dem gegenüber ein aliud, offenkundig nicht der Originaltext aber auch keine eigenständige Neuschöpfung. Man könne alles mögliche daraus erfahren, aber nicht, wie sich das Werk im Original lese.
Interessant ist, dass genau dieses Argument, welches der jungen Wissenschaftlerin wie zur Erledigung aller Übersetzungen geeignet erschien, für Elisabeth Edl das Fundament ihrer Arbeit darstellt.
Wahr ist, dass Übersetzungen eine Vermittlungsarbeit leisten. Diese erschöpft sich aber nicht darin, was in der einen Sprache geschrieben steht in eine andere zu übertragen, also „Quasi dasselbe mit anderen Worten“ zu sagen, wie Umberto Eco dieses Missverständnis treffend beschrieb.
Das wäre eine banale Tätigkeit, die Computerprogramme auch schon sehr gut erledigen konnten, bevor man ihnen künstliche Intelligenz zuschrieb. Was eine Übersetzerin tut, die diesen Namen verdient, bedarf auch mehr als nur Intelligenz und Sprachkenntnisse, sondern etwas sehr persönliches, das, was den menschlichen Umgang mit Literatur einzigartig macht, nämlich: Werkverständnis.
Es ist dies nichts Nebulöses. Was es ist, lässt sich ziemlich genau bestimmen.
Der Dolmetscher heißt im Englischen interpreter, im Französischen L`interprèt. In dieser Bezeichnung ist die auch für den schriftlichen Übersetzer richtige Vorstellung enthalten, er füge dem Übertragenen noch etwas hinzu, eine Deutung, mindestens einen Vorschlag, wie das Übersetzte zu verstehen sei. Der Ehrgeiz einer Übersetzerin muss sich deshalb mindestens so sehr auf die eigene Sprache richten wie auf die, aus der sie übersetzt. Elisabeth Edl hat es, zusammen mit Wolfgang Matz in ihrem Aufsatz mit dem programmatischen Titel „Fremde Ähnlichkeit“ so formuliert:
„Der originale Ausgangstext ist ein Kunstwerk in seiner Sprache. Die Übersetzung eines Kunstwerks kann die geforderte Gleichzeitigkeit von Fremdheit und Ähnlichkeit nur dann herstellen, wenn auch sie diesen Kunstcharakter besitzt, nun in ihrer eigenen Sprache.“
Man könnte viel Zeit damit zubringen, zu untersuchen, was alles in diesen beiden scheinbar so selbstverständlichen Sätzen steckt. Sie enthalten einen Hinweis, welche Werke zu übersetzen sich lohnt. Sie erwähnen die auf den ersten Blick rätselhafte Gleichzeitigkeit von Fremdheit und Ähnlichkeit und wie sie sich herstellen lässt, sie sprechen über das Verhältnis von Kunstwerk zu Kunstcharakter. Komplizierte und weitreichende Fragen. Ich will mich hier nur auf einen einzigen Aspekt des Gesagten konzentrieren: Die Transformation des Kunstcharakters eines Werkes von einer Sprache in die andere.
Es wurde schon angedeutet. Die erste wichtige Entscheidung, die eine Übersetzerin zu treffen hat, ist die Auswahl der Werke, die sie übersetzt. Bei Elisabeth Edl sind die Übersetzungen nicht Zufallsprodukte, sondern das Ergebnis langer, intensiver Lektüren. So stehen am Anfang ihrer Karriere die anspruchsvollsten und schwierigsten Texte. Zusammen mit Wolfgang Matz die Gedichte von Philippe Jacottet und Yves Bonnefoy und die „Cahiers“ von Simone Weil in vier Bänden. Dank ihrer Übersetzungen bekamen Patrick Modianos Romane im deutschen Sprachraum schon anderthalb Jahrzehnte vor dem Nobelpreis eine Leserschaft. Romane und Tagebücher von Julien Green brachte sie erstmals ins Deutsche.
Einen weiteren wichtigen Teil ihres Werkes, dem Umfang nach sicher den größten, machen ihre Neuübersetzungen französischer Klassiker aus. Die beiden großen Romane von Stendhal, die beiden wichtigsten von Flaubert, um nur die vier bedeutendsten zu nennen.
Was Elisabeth Edl „Zu Sprache und Übersetzung“ von Madame Bovary schreibt, verdeutlicht ihren Anspruch. Dort heißt es: (Zitat)
„Flauberts Arbeit am Stil seines Romans, am Ganzen und an jedem einzelnen Wort, seine Manie, jeden Satz zur Prüfung immer wieder laut aus dem Fenster seines „gueuloir“ zu brüllen, sind sprichwörtlich, und er hat sie selber oft beschrieben. Die neue Übersetzung dieses Romans muss also besondere Rechenschaft davon ablegen, wie sie sich zum Stil des Autors verhält, ob und auf welche Weise sie es für möglich erachtet, Flauberts extremen Anspruch auch in einer anderen Sprache wiederzugeben, und was sie anders macht als die zahlreichen Vorgänger. So möge erlaubt sein, etwas ausführlicher auf diese Fragen einzugehen als sonst üblich.“ (Zitat Ende)
Es braucht viel Selbstbewusstsein, sich diesem extremen Anspruch zu stellen, und großes Können, ihn zu erfüllen. Dazu gehört, die sprachlichen, kulturellen, geistesgeschichtlichen, welt- und alltagshistorischen Zusammenhänge und Voraussetzungen des übersetzen Werkes sichtbar zu machen, und das ist es, was Elisabeth Edl in ihren Neuübersetzungen unter so beiläufigen Überschriften wie „Nachwort“, „Anhang“, „Anmerkungen“ und dergleichen auf einzigartige Weise tut. In jedem ihrer neuübersetzen Klassiker befindet sich mindestens ein weiteres Buch, das nur von ihr stammt und den Roman auf wirklich neue Art in die Gegenwart des Lesers holt. Die Texte dieser Apparate sind wissenschaftlich genau und dabei hoch unterhaltsam. Sie liefern farbige Geschichtserzählung, literaturgeschichtlichen Gossip, immer neue Zusammenhänge und Querverbindungen, die auch für den besten Kenner Überraschungen bereithalten.
Dies alles ist nicht bloße Zugabe, denn zur oben geforderten Übersetzung des Kunstcharakters der Werke zählt auch die Ausdeutung, Interpretation, von der schlichten Erklärung vergessener Alltäglichkeiten bis hin zu ihrer historischen, politischen, soziologischen, philosophischen Einordnung. Das alles liefert Elisabeth Edl in diesen Anhängen, in denen man sich auf Entdeckungsreise machen kann wie ein glücklicher Museumsbesucher.
So besonders wie diese Bücher, ist auch ihre Wirkung. Das bringt mich zurück zu „Rot und Schwarz“. Als ich gefragt wurde, ob ich die Neuübersetzung besprechen wolle, war ich mir keineswegs sicher, ob ich mich dafür begeistern würde.
Als berufsmäßig mit Literatur beschäftigter Mensch stelle ich mir lesend wie schreibend immer nur eine einzige Frage. Die Frage nach dem, was manchmal die Gültigkeit eines Textes genannt wird. Wem das zu sehr nach Fahrkarte oder Passierschein klingt, etwas hochtrabender ausgedrückt, die Legitimität. Dieser Ausdruck aber ist wiederum mir zu hochtrabend und er ist auch nicht ganz richtig. Denn, was ich meine, hat fast nichts mit Rechtmäßigkeit und fast alles mit Überzeugungskraft zu tun. Gültigkeit also vor allem im Sinne von Geltung. Woraus ein Text sie gewinnt, wie sie entsteht und sich überträgt, das ist das Geheimnis großer Literatur und selten ist man sich darüber einig. Die Romane Stendhals und Flauberts zum Beispiel wurden ausgelacht und in den Himmel gehoben, vor Gericht gezerrt und vergessen, und erst im Lauf von Jahrzehnten und Jahrhunderten als die Meisterwerke erkannt, die sie sind. Schön und gut, „Rot und Schwarz“ war also ein Meisterwerk, aber was sollte es mir heute sagen? Konnte es mir etwas über meine Welt heute erzählen?
Was ich bei der Lektüre über Karrierismus, über soziale und politische Heuchelei, Scheinheiligkeit und einen zugleich aufrührerischen und opportunistischen Geist wie Julien Sorel erfuhr, beantwortete die Frage schlagend.
Was für Stendhal gilt, gilt auch für andere Werke, die Elisabeth Edl übersetzt hat. Der Kunstcharakter dieser Übersetzungen ist es, der ihnen Wirkung verleiht und das auch über größere Zeiträume hinweg.
Hier zum Abschluss nur zwei zufällige Fundstücke aus den letzten zwei Wochen.
Gerade fiel mir ein neues Buch des Philosophen Byung-Chul Han in die Hände: „Sprechen mit Gott. Ein Dialog mit Simone Weil“ Han beschäftigt sich seit langem unter anderem mit der Rezeption des Buddhismus in der westlichen Welt. In diesem Buch nun, seinem Dialog mit Simone Weil, greift er auf Elisabeth Edls Übersetzung der „Cahiers“ als wichtigste Quelle zurück.
In ihrem Aufsatz „Geschichte eines Manuskripts. Über Simone Weils Cahiers“, den Elisabeth Edl zusammen mit Wolfgang Matz 1991 verfasst hat, beschreibt sie die zentrale Bedeutung von Taoismus, Buddhismus und vedischer Religion für Weils Denken.
Das zweite Beispiel: In seinem neuesten Buch „Stoische Gangarten“ zitiert Helmut Lethen in dem Kapitel „Unterwegs mit Flaubert“ aus Elisabeth Edls Nachwort zu den Lehrjahren, wo sie über dessen Helden Frédéric schreibt: „ … die Zeit, die Zeit. Seine einzige Triebkraft war tatsächlich der Kalender.“
Wieviel zeitdiagnostische Ableitungen wären möglich, hielte man unsere heutigen Interpretationen von Stendhals Julien und Flauberts Frédéric nebeneinander, verbunden zum Beispiel mit der Frage, warum uns vor zwanzig Jahren eher Julien wie ein Zeitgenosse erschien und heute vielleicht eher Frédéric. Auch dazu bietet Elisabeth Edls Werk schönste Gelegenheit.
Wie gesagt, das sind nur zwei Zufallsfunde aus den letzten Wochen. Auf was würde man nicht alles stoßen, wenn man sich erst auf die Suche machte? Es gibt nichts zu revidieren, ganz im Gegenteil. Wer Elisabeth Edl liest, hält den Beweis in der Hand: Grandiose Übersetzungen. Sie leuchten wie am ersten Tag.
Herzlichen Glückwunsch, liebe Elisabeth
***
für Hanns Grössel
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde,
ein Abend wie dieser hier verleitet, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen und zurückzudenken an Weggefährten, gerade auch der übersetzerischen Anfangszeit, und darum möchte ich heute an den Freund und Kollegen erinnern, der mich vielleicht am stärksten begleitet und durch sein ganzes Wesen beeinflusst hat – und der vor nunmehr dreizehn Jahren starb, nämlich am 1. August 2012. Ich will von Hanns Grössel sprechen, der seit den 1960er Jahren erzählende Literatur und Dichtung ins Deutsche übertrug, zunächst vorwiegend aus dem Französischen (Lucien Rebatet, Georges Simenon, Boris Vian, André Pieyre de Mandiargues, Raymond Roussel), später mehr und mehr aus dem Dänischen und Schwedischen (insbesondere Inger Christensen und Tomas Tranströmer) – diese ungewöhnliche Sprachenkombination hatte biographische Gründe. Nach einigen Jahren als Lektor bei Rowohlt arbeitete Hanns Grössel von 1966 bis 1997 als Redakteur und Literaturkritiker beim Westdeutschen Rundfunk in Köln.
Kennengelernt habe ich ihn 1994 in Weimar, das war bei dem mehrtägigen Fest zur Verleihung des Petrarca-Preises, zu dem auch immer die vorangegangenen Preisträger eingeladen wurden, und Grössel hatte den Petrarca-Übersetzerpreis im Jahr zuvor erhalten. Von da an sahen wir uns hin und wieder. 1997 las Hanns Grössel eine Jules Verne-Übersetzung von mir und schickte postwendend ein eng schreibmaschinenbetipptes Postkärtchen voll des Lobes und wies en passant mit typisch Grössel’schem Charme auf den einzigen Fehler hin, den er gefunden hatte.
Richtig gefunkt hat es dann ein paar Jahre später zwischen uns, und der Zündstoff war Stendhal. Im Frühjahr 2004 war meine Übersetzung von Rot und Schwarz erschienen, und Grössel meinte, dafür könne er den Hieronymusring, der unter Übersetzern im zweijährigen Rhythmus weitergereicht wird, mit bestem Gewissen an mich übergeben. Noch dazu in Wolfenbüttel! Stendhalianer wissen: in Wolfenbüttel hat Henri Beyle viele angenehme Stunden im Haus seines Freundes, des Juristen Karl Friedrich von Strombeck, in der Reichsstraße Nr. 3 verbracht (das eindrucksvolle Fachwerkhaus steht dort noch immer). Das war in der Zeit zwischen Anfang November 1806 und Ende Oktober 1808. Nebenbei durchforstete der junge Beyle als Hilfsadjutant der Kriegskommissare im Dienst der napoleonischen Militärverwaltung die Wolfenbütteler Bibliotheca Augusta nach wertvollen Drucken und Handschriften, die nach Paris übersiedeln und dort die Kaiserliche Bibliothek bereichern sollten. (Entre parenthèses: Deutsch gelernt hat Henri Beyle in den zwei Braunschweiger Jahren kein bisschen, mit diesem „Rabengekrächze“ konnte er sich beim besten Willen nicht anfreunden.)
Exakt zwei Jahre später haben Hanns Grössel und ich dann ein Übersetzerseminar in Wolfenbüttel dazu genutzt, uns zu absentieren und den Spuren Stendhals in und um Braunschweig zu folgen. Früh am Morgen fuhren wir mit einem Bus – Grössel hatte alle Verbindungen feinsäuberlichst recherchiert – bis Schloss Richmond, am südlichen Stadtrand von Braunschweig, an der Wolfenbütteler Straße gelegen. Dieses Schlösschen mit seinem weitläufigen, herrlichen Park ist zwar dem englischen Richmond nachempfunden, die Braunschweiger sprechen den Namen aber dennoch französisch aus: Richemond! Hier hatte eine Zeitlang französisches Militär logiert, und ab und zu wohl auch unser Henri Beyle. Gegen Mittag fuhren wir weiter, denn es gab und gibt in Braunschweig für Stendhal-Nostalgiker ein noch attraktiveres Ausflugsziel, also weiter mit dem Bus in die Stadtmitte und dann mit einem andern Bus – Grössel wusste ganz genau mit welchem – in östlicher Richtung wieder raus aus der Stadt bis zur Endstation „Grüner Jäger“: eine 1740 begründete Waldgaststätte am Rande der Buchhorst, im heutigen Naturschutzgebiet Riddagshausen. In der 1837 entstandenen Erzählung „Le Rose et le Vert“ spielt der Chasseur vert eine nicht unwichtige Rolle, zumindest das deutsche Wirtshaus hatte Henri Beyle in bester Erinnerung behalten. Ohne weiter ins Detail zu gehen: Hanns Grössel und ich haben zum Mittagessen ohne allzu große Mühe eine Flasche Gavi getrunken, der 17. September 2006 war ein heißer Spätsommertag, und zu meiner Überraschung kannte Grössel, der doch eigentlich immer alles kannte, diesen piemontesischen Weißwein nicht. Ein Jahr später waren wir noch einmal im „Grünen Jäger“, diesmal zu dritt, als ich den Hieronymusring weitergab an Susanne Lange.
Natürlich habe ich mich gefragt, ob Hanns Grössel und Eugen Helmlé einander begegnet sind? Sie entstammen ja mehr oder weniger der gleichen Generation – der eine 1932, der andere 1927 geboren. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Grössel sich nicht interessiert hat für die von Helmlé übersetzten Robert Antelme, Émile Ajar, Albert Cohen, Jacques Roubaud, Georges Perec oder Raymond Queneau. Ein Anhänger von Valery Larbaud und dessen Alter Ego A. O. Barnabooth war er ganz bestimmt, das weiß ich mit Sicherheit. Und zum heutigen Abend wäre Grössel in jedem Fall gekommen. Auf den Einwand, das wäre doch vielleicht eine etwas lange Reise von Köln bis nach Sulzbach, hätte er schelmisch geantwortet: „Vaut le détour!“ Immerhin war er bei ähnlicher Gelegenheit bis ins kärntnerische Klagenfurt gereist, wo wir dann zusammen noch das Grab von Julien Green besucht haben, in animierender Begleitung eines anderen unvergesslichen Freundes, nämlich von Greens Adoptivsohn Éric.
Mit der auf eine schwarz-weiße Ansichtskarte getippten Aufforderung „Vaut le détour!“ dirigierte er uns, Wolfgang Matz und mich, übrigens auch auf Abwege von unsrer gewohnten jährlichen Reiseroute hinunter in die Drôme, zu Philippe Jaccottet: Grössel meinte, da müssten wir doch unbedingt mal einen Schlenker machen nach Hauterives, zum Facteur Cheval und seinem Palais idéal, diesem phantastischen und phantasmagorischen Bauwerk eines Landbriefträgers. Und natürlich folgten wir seinem Rat.
Nichts mehr erzählen werde ich Ihnen davon, dass Grössel meine Übersetzungen von Patrick Modiano mit allergrößtem Interesse begleitete. Auf ein Stichwort hin bekam ich von ihm akkurat ausgeschnipselte – und selbstredend auch von ihm verfasste – Rezensionen zu den Frühwerken Modianos. Nur eins noch: als ich 2009 Place de l’Étoile übersetzte, Modianos Erstling, und zu einigen der darin erwähnten zwielichtigen Figuren recherchierte, erhielt ich sogleich ein kleines Dossier über Maurice Sachs, einen übel beleumundeten französischen Schriftsteller, der im April 1945 nach der Evakuierung des Lagers Fuhlsbüttel auf einem Todesmarsch ums Leben kam. Hanns Grössel hatte bereits 1967 einen langen Aufsatz über Sachs geschrieben, auf der Fotokopie klebte ein giftgrünes Post-it mit einer wiederum aufgeklebten, exzentrischen gelb-roten Tulpe, und daneben stand sauber getippt: „Aus: DER MONAT, Heft 228, 19. Jahrgang, September 1967“ und in Klammern darunter: „(il y a quarante ans!)“. – Das war der gute Hanns Grössel.
Vielen Dank für diese Auszeichnung, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Elisabeth Edl
Sulzbach, 9. September 2025
https://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BCner_J%C3%A4ger_(Riddagshausen)
https://gruenerjaeger.de/
https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Richmond
https://www.braunschweig.citysam.de/stadtplan-braunschweig/stadtplan-schloss-richmond-1.htm
https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Karl_von_Strombeck
Strombeck war wie Henri Beyle Italienliebhaber, in seiner Freizeit übersetzte er Ovid, Tibull, Tacitus und Sallust.
(Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, dann Teil des Königreichs Westphalen 1807-1813 / Jérôme Bonaparte = „König Lustig“)
„Le Rose et le Vert“ : Romans II, 1077 + n. 1, 1078 & Œuvres romanesques complètes II, 1048, 1049 + n. 4 du chap. II = 1434; in die Umgebung von Königsberg verlegt
Lucien Leuwen, première partie, in die Umgebung von Nancy verlegt