Straelener Übersetzungspreis an Claudia Sinnig

(Hier folgen die ungekürzten Fassungen der Laudationes, die in Übersetzen Heft 1/2026 in gekürztes Version abgedruckt ist)

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Laudator Sebastian Guggolz Foto©BozicaBabic

»Alt ist das Brausen des Regens in den Zweigen der Sträucher,

ist das Kollern des Birkhahns im Morgenrot des Sommers,

alt ist dieses, unser Sprechen«

So setzt Jonas Mekas’ »Erste Idylle« in der deutschen Übersetzung von Claudia Sinnig an. Mekas, der aus Litauen stammende Dokumentar- und Tagebuchfilmer, der bis 2019 in New York leben und zum Paten des Avantgardekino werden wird, zum Hüter des Anthology Film Archives, einem Museum, in dem experimentelle Filmkunst gesammelt und bewahrt wird – dieser Jonas Mekas nennt als junger Dichter die Dinge einfach unverblümt beim Namen und zählt beschreibend auf, was er verloren hat, was wir verloren haben. Dinge, die hoch aufgeladen sind, die einfach benannt werden, ohne Adjektive, und die so voller Atmosphäre sind und in Claudia Sinnigs Übersetzung Schritt für Schritt Bilder aufbauen, stimmungsvolle, sich einprägende Bilder, die beim Lesen und beim Sprechen in uns zu klingen beginnen.

1947/48 in einem displaced persons camp in Kassel, auf Zwischenstation mit seinem Bruder Adolfas auf dem Weg in den Westen, in die Vereinigten Staaten, schrieb Mekas die »Idyllen« über die verlorene Heimatregion im Norden Litauens. Es sind zauberische, intensive Beschwörungen einer geliebten, aber verlorenen Region, Beschwörungen des DorfesSemeniškiai, wo Jonas Mekas 1922 zur Welt kam und aufwuchs,Semeniškiai, in dem seine Mutter zurückblieb und das Mekas 1972 mit seinem Bruder in dem berührend schönen Film »Reminiscence of a Journey to Lithuania« wieder aufgesucht hat,Semeniškiai, dasbei einer Volkszählung 2011 gerade einmal noch drei, ja, in Ziffern: 3 Bewohner hatte.

In einer kleinen Reminiszenz an den ebenfalls als displaced person über Deutschland in die Vereinigten Staaten geflohenen Antanas Škėma (auch diesen Autor und seinen Jahrhundertroman von 1958, »Das weiße Leintuch«, hat Claudia Sinnig ins Deutsche übertragen) nannte Jonas Mekas den etwa zehn Jahre älteren Škėma und die Autoren um diesen herum eine »Generation ohne Ornamente«. Autoren, denen die Wirklichkeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihrem Grauen zu nahe gerückt war, auf die Pelle geradezu, die zu knapp nur dem apokalyptischen Untergang entronnen waren, als dass sie die Beschreibung der Welt noch hätten ausschmücken und mit Adjektiven ausstaffieren können. Die Wörter mussten, wie die Menschen dieser Zeit, in die Welt geworfen ganz alleine bestehen. Und sie bestanden, sie zerbrachen zwar, mussten fliehen und wurden zu anderen, die Menschen wie die Wörter, aber sie bestanden.

»Oh, alt ist das Blühen des Klees,

das Schnauben der Pferde in der Sommernacht –

das Quietschen der Walzen, Eggen und Pflüge,

das schwere Gepolter der Mühlsteine,

das weiße Schimmern der Tücher jätender Frauen im Garten, –

alt ist das Brausen des Regens in den Zweigen der Sträucher,

ist das Kollern des Birkhahns im Morgenrot des Sommers –

alt ist dieses, unser Sprechen.«

Alt ist dieses, das litauische Sprechen, die Litauer selbst sagen, ihre Sprache sei die älteste Europas. Ein Titel, den auch die Basken für ihr Baskisch reklamieren. Beides folgt wohl eher der Bestrebung nach Mythisierung und Identitätsbehauptung. Belastbare Nachweise dafür, dass die indoeuropäische Sprache Litauisch wirklich über 2000 Jahre alt ist, finden sich nicht. Sprachentwicklungsgeschichte lässt sich wissenschaftlich fundiert erst mit Schriftzeugnissen betreiben, und die gibt es in Litauen ab dem frühen 16. Jahrhundert. Mithilfe dieser frühen Zeugnisse allerdings lässt sich belegen, dass das Litauische bis heute seine archaische Form behalten hat, dass es eine sehr konservative Entwicklung genommen und wenig Veränderungen erfahren hat, anders als etwa das Lettische, das sich vom Litauischen vermutlich vor etwa 1700 Jahren abgetrennt und verschiedene Modernisierungsschübe durchlebt hat. Das Litauische dagegen hat sich seit dem Mittelalter so wenig verändert, dass diese 500 Jahre alten Schriftstücke auch heute noch weitgehend problemlos gelesen und verstanden werden können.

Dennoch, trotz dieser jahrhundertealten Vorgeschichte und der tiefen Verwurzelung in einer Vergangenheit, schreibt sich die litauische Literatur in die Moderne ein. Und Claudia Sinnig mit ihren Übersetzungen ist sehr stark mitverantwortlich, dass sie sich auch in das Bewusstsein einer deutschen Leserschaft und in die europäische Literaturgeschichte einschreibt.

Durch die Verknüpfung von archaischen Motiven und archaischer Sprache mit der unmittelbaren Gegenwart und vor allem mit den Zumutungen und dem entfesselten Fortschrittseifer, mit der noch schlimmer entfesselten Gewalt und den Gräueln des 20. Jahrhunderts entsteht eine ganz besonders moderne, gleichermaßen traditionsbewusste wie unbedingt avantgardistische Literatur. Etwa bei Antanas Škėma, im Roman »Das weiße Leintuch« und in seinen Erzählungen und Prosastücken, »Apokalyptische Variationen«, die Claudia Sinnig ausgewählt und bestechend klarsichtig und kundig übersetzt und kommentiert hat. Dort finden sich neblige, undurchdringbare litauische Sümpfe ebenso wie antike griechische Mythen. Und in diesem Roman, der geschrieben wurde nach dem großen Epochenbruch durch die Nazis – und im Fall Škėmas auch nach dem Epochenbruch durch die Sowjets sowie im New Yorker Exil, in der Fremde, in einer hypermodernen Welt –, in diesem Roman geht die raunende Geschichte der Mythen und Sümpfe fast übergangslos in die damalige Gegenwart über, zu dem Lift im Wolkenkratzer der 1950er Jahre in New York, wo der ProtagonistAntanas Garšva als Liftboy die Schalter betätigt und Passagiere nach oben und unten, und wieder nach oben und wieder nach unten fährt.

»Der Express vom Zehnten zum Achtzehnten. Ihre Etage, bitteschön, dankeschön, er drückt auf den Knopf, die Etage, dankeschön, bitteschön, auf den Knopf, dankeschön, bitteschön, dankeschön … Der grüne Pfeil leuchtet auf, Antanas Garšva streckt die Hand mit dem weißen Handschuh aus, fertig, wir fahren nach oben. Er drückt den Griff, und die Tür schließt sich, und der Aufzug fährt nach oben. Oben leuchten die Zahlen der Stockwerke auf, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10. Der Elfte, bitteschön, dankeschön, der Gast geht hinaus, Hand an den Griff, wir fahren nach oben, der Aufzug wird im Dreizehnten angehalten, die Tür öffnet sich, ein Gast kommt herein, Ihre Etage, bitteschön, den Knopf, dankeschön, Hand an den Griff, 14, 15, der Sechzehnte, bitteschön, dankeschön, der Gast geht hinaus, Hand an den Griff, wir fahren nach oben, 17, der Achtzehnte, bitteschön. Alle gehen hinaus. Das rote Quadrat, der grüne Pfeil, wir fahren nach unten, dasselbe Ritual, wenn wir nach unten fahren. Up und down, up und down in einem streng eingerahmten Raum. Sisyphos, von neuen Göttern an diesen Ort versetzt. Diese Götter sind humaner. Der Stein hat die Erdanziehung verloren. Sisyphos braucht keine geäderten Muskeln mehr. Triumph von Rhythmus und Kontrapunkt. Synthese, Harmonie, up und down.«

Der mechanisch betriebene Lift modernisiert die Sisyphos-Erzählung, das Absurde verbindet Mythos und gegenwärtige Lebenswirklichkeit, die Geschichte ist durch die Katastrophe zersplittert und sortiert sich neu nach formalen Kriterien: Up und down, up und down. Ein Entrinnen ist nicht möglich.

Der US-amerikanische Literaturwissenschaftler und Philosoph George Steiner schreibt in »Nach Babel«, seinem Standardwerk zur Übersetzung,über die Klassiker: »Wie jede Generation aus einem vitalen Drang nach Nähe und Echo die Klassiker neu übersetzt, so benutzt sie auch die Sprache, um sich eine eigene, widerhallende Vergangenheit aufzubauen.«

Das Erinnern im Übersetzen als aktives Eingreifen, als aktiver Wiederaufbau einer verlorenen Vergangenheit. Vom eigenen Standpunkt, der in der Gegenwart verwurzelten Perspektive kann man sich nicht lösen, weder als Leser noch als Übersetzerin. Die Sprache, die Claudia Sinnig für ihre Übersetzungen von Klassikern findet, hallt mächtig wider, wirft Echos aus der Vergangenheit in sie zurück und drängt vital nach Nähe und Berührung zwischen dem vergangenen Früher und dem unmittelbaren Heute.

Für »Das weiße Leintuch«, dieses Gedicht von einem Roman findet Claudia Sinnig einen Rhythmus und eine Sprache, die direkt aus den 1950er Jahren zu stammen und dennoch zeitlos zu sein scheinen. Škėma springt zwischen amerikanischer Gegenwart und Erinnerungen an Litauen, an sein Aufwachsen und seine Flucht über Deutschland, hin und her, die Stile und Tonlagen springen ebenso, und jede einzelne hat eine eigene Prägung. Es wirkt wie unterschiedliche Tonspuren, ein Mosaik aus einer Vielzahl an Klangfarben, vielleicht ein kammermusikalisches kleines Orchester mit verschiedenen Instrumenten, rhythmisch, treibend, mit Halb- und Zwischentönen und Übergängen, von Dur zu Moll und wieder zurück. Claudia Sinnig ist in der Bandbreite dieser stimmlichen Variationen besonders eindrucksvoll. Ob es von den Gedichtübersetzungen von Tomas Venclova und Jonas Mekas herrührt, mit denen sie sich in wechselnden Sprecherpositionen, in aufeinanderprallenden Perspektiven und Tonfällen schulen konnte, oder ob es ihr sich mit allen fünf Sinnen vorantastendes, musikalisch empfindsames Sprachgehör ist: Es ist in jedem Fall ein Glück für uns Leserinnen und Leser.

Ein Glück, und zugleich eine Zumutung, ist auch ein anderer Roman, der mir bereits als Legende begegnete, bevor ich ihn, mangels Übersetzung, lesen konnte. »Vilnius Poker«: Alle Litauer und Litauerinnen, mit denen ich zu tun hatte, sprachen irgendwann davon, wiegten dabei bedeutend den Kopf und sagten: Diesen Roman, den müsse man natürlich irgendwann auch auf Deutsch lesen können. Einer der größten Bucherfolge des seit 1991 unabhängigen Litauens, eine sensationelle Entdeckung damals, denn Ričardas Gavelis, der Autor, hatte den monströsen Roman bereits zehn Jahre früher für die Schublade geschrieben, viel zu gefährlich für eine Publikation in den Zeiten unter der sowjetischen Gewaltherrschaft. 1990 hatte das erste frei gewählte litauische Parlament seit 1928 die Unabhängigkeit von der Sowjetunion bereits erklärt, die gewaltigen, machtvollen friedlichen Massenbewegungen der Bevölkerung in allen drei baltischen Staaten: Estland, Lettland und Litauen, mündeten schließlich in die wirkliche Unabhängigkeit im Herbst 1991. Der Sieg des Volkes, der Sieg der Freiheit. Und Claudia Sinnig war in dieser Zeit mittendrin, wirkte politisch, unterstützte, dolmetschte, organisierte, vermittelte, trug ihren Teil zum Gelingen bei. Doch das wäre eine eigene Geschichte und vor allem eine eigene Lobeshymne wert …

Ričardas Gavelis, 1950 inmitten des historischen Vilnius, gleich gegenüber dem Kloster der Heiligen Dreifaltigkeit, unter der Sowjetherrschaft als Kind der Ehe zwischen einer Physikerin und einem Mathematiker geboren und aufgewachsen, studierte selbst theoretische Physik und arbeitete am Institut für Physik und Mathematik der Litauischen Akademie der Wissenschaften. Er galt als herausragende naturwissenschaftliche Hoffnung seiner Generation, veröffentlichte fundamentale Aufsätze zur Ferroelektrizität und zum thermodynamischen Phasenübergang – beides physikalische Felder, die sich mit Gestalt- und Funktionswandel, mit Aggregatszustandsveränderung beschäftigen, mit unzuverlässigen, fragwürdigen, sich potenziell immer verändernden Seinszuständen. »Metamorphotische Physik«, könnte man, durch die literarische Brille betrachtet, sagen.

Ab Mitte der 1970er Jahre begann er zu schreiben, journalistisch und literarisch, mit dem Höhepunkt »Vilnius Poker«. Vilnius wird darin zum Höllenschlund. Zu einem düsteren Strudel, der die Menschen unaufhaltsam in den Abgrund zieht. Aber Vilnius wird auch zum Tor zum Himmel, zur Bastion der Freiheit, die zwar gefährdet, aber doch möglich ist. Vilnius ist, Zitat aus dem Roman, der »Arsch des Universums«, und es ist, wieder Zitat aus dem Roman, »Nekropolis der Seele«. Vytautas Vargalis, der Protagonist des Romans, ein ähnlich Beschädigter wie Antanas Garšva aus »Das weiße Leintuch«, traumatisiert und unter die Räder der Zeitläufte und Weltgeschehnisse geraten – der eine von beiden, Antanas Garšva, an den Sowjets, der Staatenlosigkeit und dem »Herzasthma des Exils« zerschellt, der andere, Vytautas Vargalis, am sowjetischen Lager, ebenfalls an den Sowjets und der von diesen infiltrierten oder zumindest vermeintlich vollüberwachten und geheimdienstdurchsetzten Vilniusser Gesellschaft der späten 1970er Jahre –, dieser Vytautas Vargalis aus »Vilnius Poker« hat als sogenannter »Waldbruder«, als Partisan Widerstand gegen die sowjetische Okkupation geleistet, wurde deshalb anschließend für einige Jahre im Gulag kaltgestellt und hat sich nun, nach seiner Freilassung zum Zeitpunkt der Romanhandlung, in einer Vilniusser Bibliothek eingerichtet, ist dort eigentlich untergetaucht und soll die Bücher sortieren und katalogisieren (was er aber eigentlich währenddessen macht, ist lesen: unter anderem Ortega y Gasset, Samuel Beckett, Albert Camus, George Orwell, Ernesto Sabato, James Joyce natürlich, Marquis de Sade, Jean Genet und immer wieder Franz Kafka). Zudem wird er eine Liebschaft mit der jungen Bibliothekskollegin mit dem alarmierenden Namen Lolita eingehen. Sie wird sterben, Vytautas Vargalis wird des Mordes beschuldigt, der Roman spielt verschiedene Szenarien durch, wie es hätte ablaufen, was hätte passieren können, er bricht die Perspektiven bis zur Uneindeutigkeit, spielt sie gegeneinander aus – und bietet einfach keine Auflösung. Bis heute streiten sich litauische Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler darüber, was im Roman wirklich passiert ist. Bis heute sind sie sich darüber nicht einig geworden. Worüber sie sich aber einig sind: Das Porträt von Vytautas Vargalis, das geprägt ist von tiefer Beschädigung aller zu »Kanuken« gemachter Vilniusser (»Kanuken« sind willenlose, gebrochene Mitläufer) und geprägt von blindwütiger Paranoia gegen die in Personalpronomina immer groß geschriebene feindliche Macht, geprägt auch von einem sich immer weiter verfinsternden Gehirn, von zerstörerischen Erinnerungen, düsteren Ahnungen, dieses Porträt ist ein dunkles Glanzstück der litauischen Literatur.

Ein Glanzstück der deutschen Übersetzungskunst ist die deutsche Fassung von »Vilnius Poker«, die im November 2024 erschienen ist. Was für eine Herausforderung müssen die 700 Seiten dieses Romans gewesen sein! Er ist wie ein Bienenstock voller Gesumm, voller Gebrummel, voller Gegen- und Widerrede: ein anschwellender und sich wieder zurücknehmender Chor. Das paranoide Bewusstsein von Vytautas Vargalis hört Stimmen und erliegt dem Dröhnen der Stille, erzählt von Folter und Repression und Geschlechtstrieb und Geschlechtsverkehr, schonungslos, ungeschützt klaffend und ohne Aussparung von Details. Die Erzählung kreist oft in Ellipsen oder bleibt fragmentarisch, weil ein anderer, neuer Gedanke das eben Gedachte durchkreuzt, dazwischenspringt, sodass das eben noch Begonnene abbricht, damit das plötzlich Empfundene, das plötzlich Aufblitzende festgehalten werden kann und nicht gleich wieder verloren geht. Das Chaos wird zum Chor, und seine Dompteurin Claudia Sinnig überblickt diese vielen Stimmen und Stimmlagen nicht nur, sie bändigt sie, sie führt sie in Bahnen, lässt sie strömen, aber choreographiert eine Symphonie daraus, die überwältigt und erschreckt, aber auch mitreißt und Staunen macht. Wann hat man so etwas schon mal gelesen? Und zwar in einer Übersetzung, die nie überfordert wirkt, trotz der Überforderung des Protagonisten, die nie hilflos wirkt trotz der Hilflosigkeit von uns Lesenden, nie unbeherrscht, nie dissonant – sofern sie nicht genau das sein soll – und vor allem nie unbeseelt. Schnell fasst man Vertrauen zum deutschen Text und seinem Wortgefüge, und deshalb wird das Erlebnis der Lektüre von »Vilnius Poker« noch größer: Es erweitert unseren Wahrnehmungs- und Erfahrungsraum und wir können uns ihm beim Lesen einfach hingeben.

Eine ungeheure Intensität besitzt der übersetzte Text, eine abgrundtiefe Schwärze und Aussichtslosigkeit, mit gleichzeitig leuchtenden Einzelstücken darin, wie etwa die Szene im Zentrum des Romans, wenn Vytautas Vargalis ein Jazzkonzert in einer Vilniusser Kirchenruine besucht, wo das Stück »Vilnius Poker« gespielt wird und sich zu einer epiphanischen Erfahrung auswächst, mit Trommeln und Bass und Altsaxophon, Klarinette, einem Flügel – »es ist nur Musik« beschwört sich Vytautas Vargalis selbst, um sogleich wieder mitgerissen zu werden von der ahnungsvollen Musik, die jederzeit von der Staatsmacht niedergeschlagen zu werden droht. Mitgerissen werden auch wir von der Beschreibung des Konzerts, in der gesetztes Wort und beschriebener Klang, in der die Imagination und der Eindruck, Sprache und Musik ineins fallen.

Ein Jazzkonzert in einer Kirche im sowjetischen Vilnius 1979, das ist undenkbar – und ist so undenkbar doch nicht, wenn man sich das legendäre, 1971 formierte Ganelin Trio um Vyacheslav Ganelin mit Vladimir Tarasov und Vladimir Chekasin vor Augen führt. Das gab es in der Wirklichkeit, und das gibt es im Roman, bis zum uferlosen Höhepunkt des offenbarenden Konzerts: »…der Klang erreicht seinen Höhepunkt, mehr ertragen weder die Instrumente noch die Kehlen, mehr halten weder die Ohren noch die Mauern der Kirche aus. Wo immer er hinschwimmt – er kann nirgends mehr hin, so weit das Auge reicht, nirgends mehr fester Boden – rettet ihn, rettet ihn, er wird ertrinken!«

Im Rhythmus liegt eines der Geheimnisse von Claudia Sinnigs Übersetzungskunst, er verführt, er treibt, er überwältigt. Keine Silbe scheint zufällig, kein Wort beliebig, keine Betonung unbedacht. Und so ist es auch, denn: Claudia Sinnig grübelt über ihren Übersetzungen, sie übersetzt immer wieder neu und neu …

Als wir kürzlich telefonierten, berichtete sie mir, wie schwer es ihr falle, den schon gedruckten Text wiederzulesen. Schon im ersten Satz der Lesestelle käme ihr nun, mit Abstand und frischem Blick, das weniger dezidierte einsilbige »die« statt dem zweisilbigen »diese« (wie es nun im Roman steht) rhythmisch zwingender vor, auch bei verschiedenen Verben sei sie sich nicht mehr sicher, ob sie tatsächlich die beste, die abschließende Lösung gefunden habe oder ob sich nicht doch ein anderes Wort geschmeidiger und klingender in den Gesamtgedanken eingefügt hätte.

Berufskrankheit, kann man sagen und es abtun, doch ich würde eher sagen: Es ist Unbestechlichkeit, und auch diese Lobrede auf ihre Übersetzungskunst wird sie in ihrer kontinuierlichen Selbstüberprüfung nicht milder mit sich selbst werden lassen. Claudia Sinnig wird weiter skrupulös jede ihrer Entscheidungen beim nächsten Durchgang kritisch in Frage stellen und auch wieder umwerfen. Ihr Anspruch an die eigene Sprache, die sie dem fremden, vertraut gewordenen Text verleiht, ist so groß, ihre Verpflichtung der bestmöglichen Übersetzung gegenüber so unbedingt, dass jede Entscheidung immer nur eine jederzeit revidierbare, ja zwingend zu revidierende Zwischenlösung sein kann. Das ist das Übersetzerinnengewissen in Reinform. Und deshalb glänzen ihre Übersetzungen auch so, vibrieren vor Lebendigkeit, springen uns Lesende an, wenn wir die Buchseiten öffnen, kommen uns so nah, dass wir uns angefasst fühlen.Denn sie leben weiter, selbst wenn sie lektoriert sind, gesetzt und Korrektur gelesen, wenn sie die Druckermaschinen durchlaufen haben, eingeschweißt, in die Buchhandlungen geliefert sind und dort verkauft und schließlich vielfach gelesen wurden. Selbst dann arbeiten sie weiter in Claudia Sinnigs körpereigenem Übersetzerzentrum, das irgendwo zwischen Hirn und Herz im Nervenzentrum ihres Körpers sitzt.

In »Die Erfahrung des Fremden« schreibt der französische Translationswissenschaftler und Philosoph Antoine Berman: »Das Wesen der Übersetzung besteht darin, Öffnung, Dialog, Durchmischung und Dezentrierung zu sein. Entweder stellt sie eine Beziehung her, oder sie ist nichtig.« Die Beziehung und der Dialog zwischen Ausgangs- und Zielsprache, zwischen Original und Übersetzung, lässt sich auch als Gastfreundschaft beschreiben. »Von Sprache zu Sprache. Übersetzung als Gastfreundschaft« lautet der Titel einer höchst anregenden Studie des senegalesisches Philosophen Souleymane Bachir Diagne aus dem Jahr 2022. Die Gastfreundschaft der Übersetzung, die eine Probe des Fremden ist, überbrückt dabei nicht nur im Dialog die Grenzen zwischen verschiedenen Kulturen, sondern bewahrt auch in der fremden Sprache das Eigene, oder umgekehrt, in der eigenen Sprache das Fremde. Sie nimmt auf, ohne anzueignen, bietet einen Platz, ohne auf Assimilation zu bestehen. Das Übersetzen ist somit nicht nur immer auch politisch, sondern schlicht eine großzügige Angelegenheit, es stellt die eigene Sprache für die Beherbergung des fremden Textes zur Verfügung, es lässt ausreichend Raum, dass der Besucher aus der Fremde etwas Eigenes mitbringt, dass mit seiner Anwesenheit in der neuen Sprache etwas Neues entsteht, neue Verhältnisse, ein neues Weltverständnis.

Claudia Sinnig hat die Gastfreundschaft der litauischen Sprache erfahren, und nun stellt sie gastfreundlich ihre eigene Sprache zur Verfügung, um der litauischen Literatur einen Platz hierzulande anzubieten, ihr Obdach zu geben und uns damit reicher werden zu lassen. Der Gast wird bleiben, Jonas Mekas, Antanas Škėma und Ričardas Gavelis werden in der deutschen Sprache von Claudia Sinnig glücklicherweise auch uns Leserinnen und Lesern zugänglich bleiben. Das ist gut zu wissen: Gastfreundschaft zahlt sich aus.

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Laudatio von Ulrich Sonnenberg auf Andreas Donat zum Förderpreis des Straelener Übersetzerpreises der Kunststiftung NRW 2025

 

 

Düsseldorf, 27. Oktober 2025

Sehr geehrter Herr Sternberg, meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Andreas Donat,

In der Begründung für den Förderpreis des Literaturpreises der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen an Andreas Donat für seine Übertragung« von Quynh Trans Roman Schatten und Wind aus dem Schwedischen lobt die Jury ausdrücklich die Musikalität des Übersetzers.

Nun liegt es ja nahe, Bilder und Begriffe aus der Musik zu bemühen, wenn es um die Beurteilung und Bewertung von literarischen Übersetzungen geht. Oft genug ist in Rezensionen die Rede von Klangfarben und Kadenzen, von Phrasierungen und Betonungen, von Harmonik, Nuancen, Stilgefühl und dem Sinn für Pausen.

Selten erlebt man allerdings, dass diese Bilder, Metaphern und Vergleiche zwischen der Interpretation eines Musikstückes und einer literarischen Übersetzung so deckungsgleich und kongruent sind wie bei Andreas Donats Übersetzung von Wind und Schatten. Sie ahnen möglicherweise, worauf ich hinaus will:

Denn im Grunde ist diese Übereinstimmung nicht wirklich verwunderlich, lesen wir doch in Andreas Donats Biographie, dass er in Wien nicht nur Skandinavistik, sondern in Oslo, Berlin und Wien auch klassisches Klavier studiert – also eine Ausbildung als Konzertpianist absolviert hat. Es überrascht daher nicht, wenn er selbst zu seiner Herangehensweise an eine Übersetzung sagt.

»Ich gehe da recht intuitiv vor; erst einmal gibt es eine Rohfassung, in der ich mich noch nicht viel festlege und mir Alternativen offenlasse. Dann wird das Ganze immer konkreter, ich versuche einen homogenen Tonfall zu finden, der dem Original entspricht, gleichzeitig aber auch meiner sein muss – das heißt, ich muss an ihn glauben. Das ist eigentlich ganz ähnlich zu dem, was ich beim Klavierspielen mache: Ich spiele die Musik von jemand anderem, aber ich möchte, dass es so klingt, als wäre sie mir selber eingefallen.

Ich habe festgestellt, dass das Übersetzen von Literatur dem Interpretieren von Musik an sich sehr ähnlich ist. Als Übersetzer interpretiere ich einen Text und versuche, ihm nach Möglichkeit gerecht zu werden. Dasselbe mache ich, wenn ich ein klassisches Musikstück interpretiere.«

Nun kommt laut dem »Kleinen Stowasser«, dem Wörterbuch, an das sich die eine oder der andere vielleicht aus ihrer und seiner Gymnasialzeit noch erinnert, der Begriff Interpret vom lateinischen interpres, und das wird nicht nur mit »Vermittler«, »Deuter« und »Erklärer« wiedergegeben, sondern eben auch mit »Übersetzer«. Und als solcher stand Andreas Donat mit Quynh Trans Roman Schatten und Wind vor einer besonderen Herausforderung.

Denn in Schatten und Wind beschreibt ein achtjähriger Junge vietnamesischer Herkunft seine Lebenswelt in einer finnischen Kleinstadt, in der er auf das »Lesen« und Dechiffrieren von Indizien des zum Teil rätselhaften Verhaltens seiner Mitmenschen zurückgeworfen ist.

In diesem autobiographisch gefärbten Romandebut – der Autor Quynh Tran stammt selbst aus Vietnam und emigrierte in den 1990er Jahren nach Finnland – bleibt sehr vieles unausgesprochen, manches wird nur angedeutet und die Handlung um das Unausgesprochene und Angedeutete herumgesponnen. Der Übersetzer hat viele ausgesprochen subtile, ja fragile Momente und Situationen nachzuzeichnen. Schatten und Wind ist ein Roman voll leiser Kraft und tatsächlich, so hieß es in einer Rezension, »eine auf ganz andere Art erzählte Migrationsgeschichte«.

In kurzen Kapiteln, in Momentaufnahmen, verdichteten Bildern, Skizzen, Erinnerungsfetzen und Alltagsbeobachtungen erzählt der Roman vom Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen im familiären und außerfamiliären Bereich und entwirft dabei ein ganz eigenes poetisches Mosaik. Der kindliche Protagonist beobachtet, wie seine Mutter und sein fünfzehnjähriger Bruder Hieu mit den Verhältnissen ringen und versuchen, sich unter den Bedingungen zurechtzufinden, mit denen sie in Europa konfrontiert sind. Dabei spielen Hieus erste Beziehungen zu Mädchen, die der Jüngere fasziniert verfolgt, eine ganz besondere Rolle.

Denn – um noch einmal die Rezension des österreichischen Kulturjournalisten Wolfgang Huber-Lang zu zitieren –, »das kann der Bub: beobachten und beschreiben. Weil es aber mit dem richtigen Einordnen noch nicht ganz klappt, erhält vieles in diesen poetischen Miniaturen einen märchenhaften, magischen Schleier, der die Konturen aufweicht.

Und Andreas Donat gelingt es, diese Stimmungen, diese ungemein sensible Atmosphäre, diesen offenen, undefinierten Charakter einer kindlichen Wahrnehmung in eine Sprache zu fassen, die präzise, schwebend und – wie schon gesagt – hochmusikalisch zugleich ist.

Meine Mit-Jurorin Theresia Prammer, die heute Abend leider nicht hier sein kann, hat uns im Vorfeld unserer Jury-Begründung einige Gedanken und Aspekte übermittelt, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Sie schrieb: »Andreas Donat übersetzt – selbstredend – nicht Wort für Wort, sondern sucht nach einer Stimmigkeit im Mit- und Gegeneinander der Stimmungen … Er ist den stilistischen Eigenheiten des Romans – lange Satzperioden, elliptische Konstruktionen oder Dialoge – kraft seines nicht identifikatorischen, sondern, wie Oswald Egger es formulierte, ›sprachwachen‹ Einfühlungsvermögens gewachsen … Schön auch der Umgang mit Komposita wie ›taunass‹ oder ›bootsförmig aufgeschnitten‹. Hier gibt sich Donat niemals übertrieben originell, sondern arbeitet überaus genau und weiß, welche Komposita er in seinen Rhythmus und Erzählton integrieren kann, beziehungsweise welche indes ›aufgesetzt‹ wirken würden.«

Ein Beispiel für Andreas Donats Vorgehensweise? Aber gern. Im Kapitel »Umweg« heißt es in Schatten und Wind:

»An den Wochenenden, wenn wir alle zu Hause waren, weckte mich manchmal ein still und sanft fallender Regen. Hieus zusammengeknüllte Laken drüben auf der anderen Zimmerseite. Ich schloss die Augen, schlief wieder ein. Ein Tag, der schon lange begonnen hatte. Das immer weicher werdende Trommeln der Regentropfen auf das Blech, die Regenkälte an den Fensterscheiben, als wären sie meine Haut.«

Ich habe mir den Spaß gemacht und den letzten Satz dieses Absatzes durch Deepl – dem laut Eigenwerbung »präzisesten Übersetzer der Welt« – laufen lassen. Bei Deepl hört es sich folgendermaßen an: »Der Regen fällt sanfter auf das Blech, der Regen kühlt die Fensterscheiben, als wären sie meine eigene Haut.«

Noch einmal Andreas Donats Übersetzung: »Das immer weicher werdende Trommeln der Regentropfen auf das Blech, die Regenkälte an den Fensterscheiben, als wären sie meine Haut.«

Leider kann ich Schwedisch nur lesen, aber nicht sprechen, daher kann ich Ihnen die Originalpassage jetzt nicht vorlesen, doch was für ein Unterschied in der Tonart, in der Stimmung und der Atmosphäre zwischen Deepl und Donat. Bei Donat ist es ein immer weicher werdendes Trommeln der Regentropfen auf dem Blech. Diese im Rhythmus beinahe hexameterhafte Variation ist meines Erachtens unbedingt durch die Interpretationsfreiheit abgedeckt, die Andreas Donat in seiner eingangs erwähnten Vorgehensweise bei seinen Übersetzungen genannt hat. Es handelt sich dabei keineswegs um einen Verrat am Originaltext, sondern im Gegenteil um eine selbstbewusste Interpretation, die eben nicht von Eigenmächtigkeit, sondern vom Respekt vor dem Original zeugt. Abgesehen davon, dass der Erzähler die Regenkälte an den Fensterscheiben wie eine Berührung auf seiner Haut spürt – wohlgemerkt kein simples, blutarm KI-gesteuertes »der Regen kühlt die Fensterscheiben, als wären sie meine eigene Haut«. Nein, Andreas Donats Übersetzung transportiert den Klang der Regentropfen und den Rhythmus des Satzbaus des schwedischen Originals auf eine wunderbar poetische Weise ins Deutsche – sodass eine Leserin, ein Leser, diese Wahrnehmung des Erzählers nachgerade hört, sieht und spürt.

Es ließen sich noch viele weitere Beispiele anführen, für die uns hier jetzt aber leider die Zeit fehlt. Doch wie heißt es auf Seite 159 von Schatten und Wind – auch wenn dieser Satz sich nicht unbedingt auf eine Übersetzung, sondern auf ein Fußballspiel bezieht: »Es war schwindelerregend, wie man mit so wenigen Worten eine so große Wirkung erzielen konnte.«

In diesem Sinne, lieber Andreas, ganz herzlichen Glückwunsch im Namen der gesamten Jury! Und ich danke allen Jury-Mitgliedern herzlich für Ihre Anregungen und Hinweise für diese Laudatio!