Wieland-Preis an Tanja Handels

(Hier folgen die ungekürzte Fassung der Laudatio und der Dankesrede, die in Übersetzen Heft 1/2026 in gekürztes Version abgedruckt sind)

Laudatio auf Tanja Handels von Helge Frese-Resch

 

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Zeidler

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Braun

Sehr geehrte Damen und Herren

Liebe Frau Frauenschuh

Liebe Frau Dr. Bönsch

Liebe Übersetzerinnen und Übersetzer

Liebe Tanja,

ich bin wahnsinnig froh und stolz, heute hier eingeladen zu sein, um eine Rede auf dich zu halten, denn: wenn ich jemand ganz ehrlich und aus voller Überzeugung über den grünen Klee loben möchte, dann bist du das.

Und das hat viele Gründe, die z. T. mit deinem Können als Übersetzerin, z. T. aber auch in deiner Persönlichkeit begründet sind. Und da manche dieser Gründe selten in einer Jurybegründung vorkommen, hole ich ein bisschen aus.

Was müssen Literaturübersetzer:innen eigentlich können, um zur Crème de la Crème zu gehören? Eine gute Kenntnis der Ursprungssprache, klar. Noch viel wichtiger: eine besonders gute Kenntnis der Zielsprache, also Deutsch, vielleicht auf den ersten Blick nicht mehr ganz so klar, aber sicherlich plausibel. Dann eine genaue Kenntnis der Literatur und Geschichte des Landes, dessen Sprache man übersetzt, um Anspielungen erkennen und übersetzen zu können. Ich glaube, hier zeigt sich schon die Komplexität von literarischen Übersetzungen. Denn was nicht erkannt wird, ist in der Übersetzung verloren.

Dann muss man Theorien und Techniken draufhaben, und da Tanja Handels Übersetzen unterrichtet hat, weiß sie genau, was wichtig ist, wie man sich vorbereitet und wie man sich selbst redigiert. Ich spreche also von Textanalyse, Konzept, Recherche etc.

Und dann kommt etwas dazu, was für mich in der Zusammenarbeit wichtig ist, denn in der Arbeit ist es wie im Leben: Es zählen auch die weichen Faktoren. Zu nennen sind da gleich mehrere.

Zuverlässigkeit, d. h. das Einhalten von Deadlines, Professionalität, d.h. Zeitpläne und Finanzpläne sind durchdacht und somit belastbar, Toleranz, denn auch Lektor:innen machen Fehler, Vertrauen, denn auch Lektor:innen haben recht, Humor, denn nur so macht die Arbeit Spaß, Offenheit und Sympathie, denn die Zusammenarbeit besteht nicht nur aus Arbeit, sondern auch aus viel Zusammensein.

Und, liebe Tanja, das alles hast und kannst du, mit dir ist es einfach eine große Freude, und allein deshalb verdienst du aus meiner Sicht schon alle Auszeichnungen dieser Welt.

Du hast die Geschichte oft erzählt, ich erzähle sie aber hier gerne noch einmal: Wir haben uns auf einer Feier des DÜF in Berlin vor etlichen Jahren kennengelernt. Das ist eine sehr typische Geschichte, denn die Buchbranche ist ein People‘s Business. Da ich schon von dir gehört hatte, wir uns gleich sympathisch waren und gerne miteinander arbeiten wollten, suchten wir fortan nach einem Projekt, das irgendwie passen könnte.

Ich habe dich dann, und das konnte ich nachrecherchieren, im Juni 2010 bei der Jahrestagung der Übersetzer:innen in Wolfenbüttel gefragt, ob du dir vorstellen könntest, Zadie Smith zu übersetzen. Zadie Smith war von Droemer mit ihrem dritten Roman zu Kiepenheuer & Witsch gewechselt, ich hatte diesen Roman einem anderen Übersetzer anvertraut und dachte, das gehe jetzt so weiter.

Aber jetzt standen Essays an – und ich bekam von eben jenem Übersetzer einen unerwarteten Korb: Er sagte mir, Essays übersetze er nicht mehr, das sei zu viel Arbeit, was er dafür verlangen müsste, würde keiner bezahlen können – so oder so ähnlich habe ich es jedenfalls in Erinnerung. Ich habe das sofort verstanden, denn Essays sind eine HeidenarbeitHeiodearbe und verkaufen sich nicht – gleichzeitig sah ich in der Absage UNSERE Chance.

Meine Anfrage an dich war defensiv, weil ich dachte, ich komme zu dir mit einem unverschämten Anliegen. Aber ich wusste ja gleichzeitig, dass Zadie Smith nach den Essays wieder Romane schreiben würde, dass sie eine der renommiertesten Autorinnen ist und dass es wahrscheinlich doch belohnt würde, wenn man sich darauf einließe.

Ich sagte zu dir also so etwas wie: Ich habe ein Projekt für dich. Leider sind es Essays, das ist undankbar, aber es ist Zadie Smith.

Hier deine wörtliche Antwort leicht gekürzt vom 25.6.2010, gut, dass ich Mails archiviere:

Nun haben wir uns eben irgendwie verpasst und gar nicht mehr
verabschiedet. Aber ich wollte doch noch einmal
sagen, dass ich mich sehr darauf freue, mir die „undankbaren“ Zadie-Smith-Essays anzusehen. Vielleicht klappt es ja darüber endlich einmal mit einer
Zusammenarbeit!

Das war schon mal keine Absage.

Und tatsächlich bekam ich am 10 Juli folgende Mail:

Inzwischen habe ich einige der Essays ganz und die übrigen zumindest angelesen – und ja, sie sind sicher nicht ganz leicht und rechercheintensivst, aber ich bin ansonsten ganz begeistert davon und würde die Übersetzung sehr, sehr gerne machen.

Und jetzt kommt’s:

Allerdings bräuchte ich den spätesten Abgabetermin, der von Eurer Seite
möglich wäre, weil ich in diesem Jahr doch schon recht ausgebucht bin
und es eindeutig kein Projekt ist, das man in wenigen Monaten durchhaut.

Neben all den oben genannten Qualitäten verfasst Tanja Handels also auch noch Mails mit der genau richtigen Mischung von Ja, ich übernehme und Aber ich bestimme die Konditionen. Ich liebe das.

Und das war der Beginn einer langen gemeinsamen Reise.

Nach diesem ersten Buch, Sinneswechsel, kam London NW, das wir dann vorgezogen haben, d.h. die besagten Essays erschienen erst nach dem Roman, dann erschien die Erzählung Die Botschaft von Kambodscha, danach der Roman Swing Time, dann wieder eine Essay-Sammlung namens Freiheiten, dann die Corona-Essays Betrachtungen, die Erzählungen Grand Union und 2023 der große Roman, über den wir heute sprechen: Betrug.

Du hast also mittlerweile 8 Bücher von Zadie Smith übersetzt und dafür einige Preise gewonnen. Und ich bin einfach froh, dass der ursprüngliche Auftrag vielleicht doch nicht so undankbar war, wie ich damals dachte.

Nun bekommst du heute einen besonders wichtigen Preis. Besonders wichtig ist er, weil er nach Christoph-Martin Wieland benannt ist, die erste deutsche Stimme von William Shakespeare. Und weil die Jury tatsächlich aus Expert:innen besteht. Ich bin sehr begeistert, dass dieser wichtige Preis für die Übersetzung eines Buches verliehen wird, das Zadie Smith als ihren bisher besten Roman bezeichnet hat. Ich würde gerne hinzufügen, er war der am schwersten zu übersetzende Roman.

Ich erzähle Ihnen kurz, worum es in diesem Buch geht.

Betrug führt uns ins Jahr 1873. Eliza Touchet ist die angeheiratete Cousine und Haushälterin des einst erfolgreichen Schriftstellers William Ainsworth, den heute kaum noch jemand kennt, der aber eine Zeit lang so bekannt war wie Charles Dickens und teilweise noch mehr Bücher verkauft hat. Als wir Eliza kennenlernen, ist Ainsworth mehr oder weniger verarmt und schreibt immer dasselbe. Eliza ist klug und ziemlich gebeutelt, denn sie hadert mit ihrer Rolle als Frau und Haushälterin, dabei ist sie eigentlich die Lektorin der schlechten Bücher ihres Cousins, sie ist genervt von Sarah, der eher schlichten, sehr jungen Ehefrau Ainsworths, und sie besucht mit ihr vor allem einen Gerichtsprozess, der damals das viktorianische England spaltete: Den Tichborne Case:

Sir Roger, Spross der wohlhabenden Familie Tichborne, war 1854 auf einer Schiffsreise nach Südamerika vermutlich ertrunken, als sein Schiff, die Bella, sank. Seine Mutter, Lady Tichborne, weigerte sich jedoch, seinen Tod zu akzeptieren, und hielt unbeirrt an der Hoffnung fest, ihr Sohn sei am Leben. Jahre später hörte sie Gerüchte, in Australien lebe ein Mann, der ihr Sohn sein könne. 1866 tauchte tatsächlich ein Mann in England auf, der sich als Sir Roger Tichborne ausgab. Es handelte sich aber in Wahrheit um Arthur Orton, einen Metzger, der nach Australien ausgewandert war. Obwohl er weder die Bildung noch das Aussehen oder die Sprachkenntnisse des echten Roger Tichborne besaß, erkannte Lady Tichborne ihn als ihren Sohn an.

Der Fall spaltete die Gesellschaft: Während die Aristokratie und die gebildeten Schichten ihn für einen offensichtlichen Betrüger hielten, sahen viele Menschen aus der Arbeiterklasse in ihm ein Opfer des Establishments.

Es kam zu zwei aufsehenerregenden Prozessen. Im ersten versuchte Orton, das Tichborne-Erbe einzuklagen, scheiterte jedoch, als sich seine Behauptungen als haltlos erwiesen. Im anschließenden Strafprozess wurde er wegen Meineids angeklagt, weil er unter Eid behauptet hatte, Sir Roger Tichborne zu sein. Der Prozess dauerte 188 Tage und war einer der längsten in der englischen Rechtsgeschichte. Und er spaltete die Gesellschaft. Am Ende wurde Orton schuldig gesprochen und zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Bis heute gilt der Tichborne-Fall als ein faszinierendes Beispiel dafür, wie Identität, Wahrheit und Macht miteinander verwoben sind – und ist damit leider so aktuell wie nie.

Der Fall ist im Roman ein Erzählstrang, ein anderer ist die Geschichte von Eliza und ihr Verhältnis zu William Ainsworth sowie dessen künstlerischer und sozialer Abstieg, ein dritter die Biografie eines ehemaligen Sklaven aus Jamaika, der im Prozess eine Rolle spielt, Mr. Bogle, mit dem sich Eliza anfreundet.

Es ist ein Roman, der die Frage stellt, wessen Wahrheit zählt.

Für die Übersetzung ist allein die historische Ebene eine erste Schwierigkeit, denn einige Figuren gab es wirklich, so wie Ainsworth, Dickens oder der Karikaturist George Cruikshank, einige sind dazu erfunden wie Eliza.

Wie haben diese realen historischen Figuren auf Deutsch gesprochen? Wie übersetzt man die im Englischen eindeutig durch Sprache markierten Klassenunterschiede? Wie vermeidet man Pathos in der Sprache, wie bringt man Ironie, vor allem die von Eliza, zum Klingen, ohne dass es Schenkelklopfer werden?

Das wird uns Tanja Handels gleich selbst näher erklären, deshalb belasse ich es an dieser Stelle bei meiner Bewunderung.

Wichtig zu wissen ist, dass der Roman nicht nur unterschiedliche Figurensprachen und Perspektiven enthält, sondern sich auch durch eine Vielheit von Textsorten auszeichnet. Es gibt erzählerische Passagen, es gibt Gerichtsprotokolle, es gibt eine Binnengeschichte, nämlich die Biographie Mr. Bogles, es gibt reine Dialogkapitel, Flugblätter, Gedichte und Zitate. Und die Kapitel sind sehr kurz, meistens nur 2 Seiten lang, und verweben sich erst allmählich zu einem Roman, wobei jedes Detail zählt und irgendwann aufgegriffen wird, das erfordert eine ganz besondere Aufmerksamkeit – auf über 500 Seiten. Jedes Kapitel hat darüber hinaus eine Überschrift, die sitzen muss.

Ich glaube, es wird klar: Der Roman ist ein übersetzerischer Mount Everest, der so viele verschiedene Kompetenzen erfordert, dass einem ganz schwindelig werden kann.

Tanja Handels hat diesen Mount Everest in Angriff genommen und ist ganz oben angekommen. Ich weiß, das ist jetzt ein bisschen kitschig, in einer literarischen Übersetzung würde ich das nicht durchgehen lassen, aber der Gipfel dessen, was übersetzerisch möglich ist, wurde erreicht. Der Roman glüht und sprüht, und das ist Tanja Handels Verdienst.

Ich darf jetzt noch ein Grußwort von Zadie Smith selbst verlesen, die sich genauso freut wie ich:

I am absolutely indebted to Tanja Handels, my voice in Germany. I know I am not the easiest writer to translate, so it’s my very good fortune to have been paired with the most skillfull translator in the country. I write my long and strange books, and then Tanja writes them again, making them at least an eighth longer, thanks to the wonders of Germany’s ‚komposita‘. She fully deserves all her laurels and I am so glad to be able to raise my voice in admiration as she receives this prestigious award. Thank you, Tanja!

Liebe Tanja, aus voller Brust und ganzem Herzen: herzlichen Glückwunsch zum Wieland-Preis.

***

Sehr geehrter Herr Staatssekretär,

sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

liebe Frau Bönsch,

liebe Beate,

liebe Jury,

liebe Helga und liebes Preisverleihungspublikum!

was für eine Auszeichnung! Ich bin gerührt und ungeheuer stolz, heute abend hier stehen zu dürfen, und danke Ihnen und euch allen von ganzem Herzen: dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg, dessen Großzügigkeit wir diesen Preis verdanken, der Stadt Biberach und insbesondere Ihnen, Frau Bönsch, und der Wieland-Stiftung für die Ausrichtung dieses wunderbaren Abends, dem Freundeskreis für seinen unermüdlichen Einsatz für literaturübersetzerische Belange und der Jury – Eva Bonné, Jutta Heinz, Kristina Kallert, Claudia Kramatschek und Elina Kritzokat – fürs Sichten und Begutachten der vielen Einsendungen. Ich danke Dir, liebe Helga, für Deine liebevolle Laudatio – und für Zadie Smith, denn ohne Deine Entscheidung, mir damals ihren ersten Essay-Band anzuvertrauen, stünde ich heute nicht hier. Und ich danke meinem Lebensgefährten Thilo Wydra, für alles, was wir teilen, und meinen anderen Lieblingsmenschen, von denen einige heute mit nach Biberach gekommen sind, um diesen Preis mit mir zu feiern.

Für die eigene Arbeit mit einem solchen Preis ausgezeichnet zu werden ist eine unglaubliche Anerkennung und Bestätigung und gerade für uns, die wir Literatur übersetzen, von unschätzbarem Wert: Er zeigt uns, dass sich all die Mühen, die langen Stunden am Schreibtisch, das Fahnden nach genau dem richtigen deutschen Wort an dieser einen Stelle, in allen verfügbaren Wörterbüchern und Lexika, einschließlich des Lexikons, das wir alle in uns tragen, die vielen Gedanken und das viele Herzblut gelohnt haben. Ein Preis wie dieser bietet uns in unserem notorisch unterbezahlten Beruf eine zeitweilige ökonomische Freiheit, lässt uns wieder leichter atmen. Und er rückt uns, die wir ja sonst eher in der zweiten Reihe hinter unseren Autorinnen und Autoren stehen und uns da im Allgemeinen auch recht wohlfühlen, für einen Abend in den Mittelpunkt. Das ist ein wunderschönes Geschenk, für das ich – ich kann es nicht oft genug wiederholen – unglaublich dankbar bin.

Allerdings muss ich auch ein kleines Geständnis machen: Anders als der Namenspatron dieses schönen Preises bin ich nämlich eigentlich beileibe keine Expertin für historische Stoffe. Als Übersetzerin wie als Leserin bewege ich mich, jenseits der Lektüre von Texten aus vergangenen Jahrhunderten, seit jeher vor allem in der Gegenwart. Entsprechend war mir ein wenig beklommen zumute, als ich hörte, dass Zadie Smiths nächster Roman ein historischer werden sollte – zumal es anfangs noch hieß, sie wolle sich dafür ins mittelalterliche London begeben. Aber natürlich stand zugleich keinen Augenblick zur Debatte, dass ich ihr auch auf diesen neuen Weg als Übersetzerin folgen würde. Schließlich lese ich sie seit ihrem Debüt Zähne zeigen aus dem Jahr 2000 mit ungebremster Begeisterung, und es ist ein wahrgewordener Übersetzerinnentraum, dass ich nun schon seit ziemlich genau 15 Jahren ihre deutsche Stimme sein darf. Und ich kenne kaum eine andere Autorin, die sich mit jedem Buch, eigentlich fast mit jedem einzelnen Text, Essays und Short Storys eingeschlossen, so sehr neu erfindet, so sehr vor Ideen sprüht und sich dabei thematisch und inhaltlich trotzdem immer treu bleibt. Ich war dann aber doch erleichtert, als das Manuskript kam und klar wurde, dass das Buch im 19. Jahrhundert spielt, einer Epoche, in der ich mich tatsächlich gut auskenne, dass es ein fast vollständig historisch verbürgtes Figurenpersonal aufweist – und zudem einer jener historischen Romane ist, die mit dem Genre spielen, es reflektieren und erweitern. Den Inhalt wiederzugeben hat mir meine Laudatorin dankenswerterweise abgenommen – keine leichte Aufgabe bei diesem Roman, und ich kann Ihnen nur nachdrücklich empfehlen, sich bei Gelegenheit selbst ein Bild davon zu machen, was für ein Reichtum in diesen etwas über 500 Seiten steckt.

Stattdessen möchte ich einen konkreten Aspekt herausgreifen und Ihnen anhand von drei Figuren mit zwei kurzen Lesepassagen etwas genauer illustrieren. Eine Konstante in Zadie Smiths vielfältigem und vielgestaltigem Werk ist nämlich ihre Vorliebe und ihr Talent für Stimmen: Ihre Figuren sind allesamt hochgradig individualisiert, sie haben ganz spezielle Eigenheiten, Dialekte, Soziolekte, aber oft auch schlichtweg Macken oder sprachliche Manierismen, die nur zu ihnen gehören und sie auf den Buchseiten ungeheuer lebendig werden lassen. Diese Stimmenvielfalt ist der Autorin ein großes Anliegen, sie äußert sich in gleich mehreren Essays darüber und setzt sich auch in unseren Zeiten zunehmender Authentizitätsforderungen dafür ein – einer der vielen Punkte, in dem ich mich ihr sehr nahe fühle. Für mich sind Stimmen, Töne, Rhythmen beim Übersetzen (und auch beim privaten Lesen) das, was mir am besten von der Hand geht, und auch das, was mir am meisten Spaß macht.

Die wichtigste Stimme im Buch ist die Figur, durch deren Augen, Ohren und Gedanken wir die Geschichte erleben: Eliza Touchet, angeheiratete Cousine des bereits erwähnten William Harrison Ainsworth, in dessen Haushalt sie seit dem tragischen Tod von Mann und Kind lebt, eine Art Haushälterin und Gouvernante ist, zugleich aber auch die Geliebte nicht nur des verkrachten Schriftstellers, sondern auch der ersten Mrs. Ainsworth, und nach deren Tod seine engste Beraterin und Seelenfreundin. Ihre Erzählstimme, ihre Figurenperspektive, der messerscharfe Intellekt und Witz, die Empathie für die Menschen, die sie liebt, aber auch die spröde Eigenständigkeit, mit der ihre Autorin sie ausstattet, haben mich sofort für das Buch eingenommen. Sie setzt den Ton der Abendgesellschaften wie des Familienlebens im Hause Ainsworth, und auf der Meta-Ebene setzt sie als Erzählinstanz natürlich auch den Ton für den ganzen Roman und ist – das kann man, glaube ich, verraten, ohne allzu sehr zu spoilern – die eigentliche Schriftstellerin im Haus. Und sie verfolgt den Tichborne-Prozess – zusammen mit einer Figur, die eine ganz andere Stimme hat: Sarah, einstige Dienstmagd, die vom Hausherrn geschwängert und nach der Geburt des Kindes – „ein später Ainsworth“, wie Eliza es nennt – auch geheiratet wird; für Eliza ist „die jetzige Mrs. Ainsworth“ zu Beginn des Romans ein rotes Tuch, aber im Lauf der gemeinsamen Zeit als inoffizielle Prozessbeobachterinnen erkennt sie in der wenig gebildeten, oft lauten und vulgären, aber mit einem äußerst wachen Geist ausgestatteten jungen Frau aus ärmlichsten Verhältnissen eine verwandte Seele. Sarah spricht im Original breitestes Cockney, was ich mit einer Mischung aus Umgangssprache, betonter Mündlichkeit, Satzrhythmus und Lexik einzufangen versuche. Wie das dann klingt, werden Sie gleich hören.

Vorher möchte ich aber noch eine dritte Figur in den Fokus rücken – Andrew Bogle, den ehemals versklavten Kammerdiener des vorgeblichen Roger Tichborne, der als Kind vom afrikanischen Kontinent verschleppter Eltern auf einer Zuckerrohr-Plantage auf Jamaika aufwächst. Auch seine Geschichte ist in Figurenperspektive geschrieben, es gibt aber ein Kapitel, das er selbst in der Ich-Form erzählt – und diese Stimme ist etwas ganz Besonderes: Denn Bogle spricht ein sehr gewähltes Englisch, das zugleich stark jamaikanisch eingefärbt ist. Das Übersetzen von Pidgin- und Patois-Varianten des Englischen wäre nicht nur ein abend-, sondern ein tage- und wochenfüllendes Thema, über das wir Englischübersetzenden uns regelmäßig die Köpfe heiß reden und doch nicht auf die eine Lösung kommen, die für alles passt. Die deutsche Sprache verfügt über nichts Vergleichbares mit dem entsprechenden historischen Hallraum, und so muss ich mich jedes Mal, wenn ich mit einer solchen Stimme konfrontiert bin, für eine neue Lösung entscheiden. Im Fall von Bogle habe ich versucht, das Gewählte in die Lexik zu verlegen und ansonsten vor allem mit kurzen, klaren Sätzen, Sprachrhythmus und Wiederholungen zu arbeiten und so eine Stimme zu erschaffen, die ähnlich, aber doch anders klingt als die übrigen im Roman. Hier ist ein kurzer Ausschnitt aus dem Kapitel „Bogles Geschichte“, in dem er vom afrikanischen Dorf seines Vaters berichtet, das er nie kennengelernt hat und nur aus Erzählungen seiner Mutter und einer anderen Frau von der Plantage kennt, die ebenfalls von dort stammt:

Betrug, S. 277-78

Soweit Andrew Bogles Stimme. Und um Ihnen den Unterschied zum sonstigen Erzählton zu zeigen, schlagen wir jetzt vom afrikanischen Dorf den Bogen wieder zurück zu den anderen Stimmen, von denen ich gesprochen habe: Eliza Touchet als Erzählinstanz und Sarah, die jetzige Mrs. Ainsworth, in wörtlicher Rede. Die beiden verfolgen den ersten Tag des Tichborne-Prozesses von der Galerie des Court of Common Pleas in London aus:

Betrug, S. 200-202

Mit dieser eigenwilligen Typologie nach Sarah Ainsworth – ich entschuldige mich in aller Form bei allen anwesenden Journalistinnen und Journalisten – möchte ich den kleinen Einblick in die Stimmenvielfalt dieses großartigen historischen Romans beschließen. Ich danke Ihnen sehr für Ihre Aufmerksamkeit und noch ein weiteres Mal für diesen wunder-, wunderbaren Preis! Und nun lassen Sie uns feiern!