Zuger Stipendium an Karl-Ludwig Wetzig

(Hier folgen die Laudationes auf Ludwig Wetzig und Christophe Fricker und Dankesreden in ungekürzter Fassung, die in Übersetzen Heft 01/2026 in gekürzter Version abgedruckt sind).

Die Hand, die das Licht hält

Laudatio auf Lutz Wetzig zum Zuger Übersetzerpreis 2025

Heinrich Detering

„Ein Besuch beim Zahnarzt ist wie ein Besuch beim Zahnarzt, nur schlimmer.“ Dieser schöne, Woody Allens würdige Satz steht in Hallgrímur Helgasons Roman Reykjavík 101, erschienen 1996, und er bestätigt die Feststellung, die sich im selben Buch findet: „Isländischer Humor ist einfach yesss!“ Man merkt es seinen Romanen immer noch an, dass Hallgrímur Helgason sein Geld zeitweise als Stand-up-comedian verdient hat. Karl-Ludwig Wetzig hat viel Sinn dafür, und er verkörpert doch auch das Gegenteil: als Sit-down-Übersetzer, der mit unendlicher Geduld, Einfühlsamkeit und Aufmerksamkeit Helgasons schräge Scherze und große Szenen ins Deutsche bringt. Drei schwerleibige Romane umfasst Helgasons Trilogie, die obendrein von Band zu Band dicker werden. 60 Kilo Sonnenschein mit 570 Seiten, 60 Kilo Kinnhaken mit 670, 60 Kilo Sonntage noch einmal umfangreicher – mit diesem dritten Band werden es sechzig Kilo Helgason sein; da weiß man, wie schwer isländische Literatur ist. (Einen Kalauer wie diesen hätte Helgason nicht verschmäht.)

Lutz Wetzig ist Übersetzer, dafür ehren wir ihn heute. Aber er ist auch Schriftsteller eigenen Rechts; das sollte heute nicht vergessen werden, denn es trägt zur Sprachsensibilität seiner Übersetzungen wesentlich bei. Er ist Verfasser von Essays, Romanen und Erzählungen, die in Captain Cooks Südsee führen und ins zenbuddistische Japan – weit weg von den skandinavischen Sprachen und Stimmen, die er ins Deutsche und uns nahe gebracht hat: das Dänische des Isländers Gunnar Gunnarsson und der Dänin Annette Lindegaard, das Finnlandschwedisch von Ulla-Lena Lundberg oder Henrik Tikkanen und das Schwedisch der Lena Andersson, das Norwegisch des Lars Amund Vaage und, nicht zu vergessen, zwei der bedeutendsten Texte der altisländischen Sagaliteratur, die Njálssaga und die Laxdæla saga; realistische Romane aus dem nordischen Mittelalter. Vor allem aber ist er der wichtigste und maßgebende deutsche Übersetzer aus dem modernen Isländisch und einer der besten Kenner dieser reichen und vielstimmigen Literatur. Dafür vor allem wird der hier heute geehrt.

Nun hat es ein Übersetzer, der sich mit Island beschäftigt, keineswegs mit extravaganten und vielleicht etwas exotischen Randzonen der europäischen Literaturen zu tun. Nicht nur die Einwohnerzahl Islands in den Jahrzehnten, in denen die hier in Rede stehenden Werke entstanden, entspricht etwa derjenigen von James Joyces Dublin. „Die Isländer sind ein Volk von Erzählern.“ Das hat jemand erklärt, der es wirklich wissen musste, der Nobelpreisträger und literarische Übervater des Landes Halldór Laxness. Island ist ein Land der Weltliteratur, im Mittelalter wie im 21. Jahrhundert. Dieser eigenwillige und weltläufige Erzählkosmos, in dem die Aneignung eines uralten Sagastoffes zu einem Versuch über die Jukebox werden kann und zwischen Gletschern und Vulkanen die Diskotheken von Reykjavík und eine amerikanische Atomstation zu finden sind – dieser Erzählkosmos ist das Zentrum von Lutz Wetzigs Übersetzungen.

Sie lesend, entdecken wir darum nicht nur eine fremde Literatur. Sondern wir lernen neue Welten kennen. Die Welt von einem Ort aus zu sehen, an dem man selber gar nicht steht: diese Fähigkeit ist nirgends so wichtig wie dort, wo man sie trügerischerweise schon zu besitzen meinte. Das zeigt sich am deutlichsten in den einander diametral gegenüberstehenden isländischen Sprachwelten, mit denen sich Lutz Wetzig in den letzten Jahren vor allem befasst hat. Auf der einen Seite steht da der Epiker des poetischen Pathos, Jón Kalman Stefánsson, auf der anderen Hallgrímur Helgason, der Punk-affine Satiriker aus der kleinen, wilden Metropole Reykjavík. In Jón Kalmans Roman Dein Fortsein ist Finsternis beispielsweise wechseln sich epische Breite und pointierte Short-Story-Wendungen in rascher Folge ab, Breitleinwand-Format und Nahaufnahmen, in schnellen Schnitten und mit lyrischen Klangspielen; und eh wir es uns versehen, sind wir versunken im daktylischen Dunkel des „schwéren, sáugenden Éismeers“ wie in der Kadenz eines Gedichts. Ich weiß nicht, ob solche Effekte immer bewusstem Kalkül entspringen. Aber ich bin sicher, dass in der intuitiven Selbstverständlichkeit, mit der sie sich ergeben, eine geheime Stärke dieses Übersetzers liegt. In seinen Anverwandlungen wird das „Ablammen“ der trächtigen Schafe so sprachgenau verfolgt wie „das Weben der Götter“ mit dem „Blindschuss zufälliger Ereignisse“. Und immer gehört zur Meisterschaft seiner Arbeit ihre vollständige Unaufdringlichkeit. Nirgends führt dieser Übersetzer seine Instrumente vor, überall gebraucht er sie mit der Sicherheit und Diskretion eines alten Meisters.

Das gilt nun erst recht für die Monologe von Helgasons fernseh-, musik- und pornosüchtigem Nerd, der Helgason 1989 mit einem Schlag weit über Island hinaus berühmt machte. Dieser überdrehte, aufgekratzte Hlynur ist in Wahrheit ein sensibler Zweifler und Grübler. Er nennt sich selbst kalauernd einen „Hamletterman“ – was ja auch die Erkenntnis einschließt, dass er ein Mann der Lettern ist, dass er sich der auf ihn einstürzenden Welt nur schreibend erwehren kann. Zugleich Antiheld und Erzähler, räsonniert er über seine nächtlichen Exzesse in der isländische Hauptstadt und über seine Ansichten zu Gott und der Welt und vor allem den Sex; das Ergebnis hat manchmal etwas sehr Komisches, und zugleich ist es doch tief depressiv. Dauerberauscht und überwach, tanzt Hlynur mit seiner Sprache wie ein postmoderner Fred Astaire auf Speed. Und der deutsche Übersetzer muss es ihm in seiner Sprache nachtun, ohne zu stolpern.

Lutz Wetzigs Übersetzung erschien 2002 in Hans Magnus Enzensbergers Anderer Bibliothek und setzte damals neue Grenzsteine für das, was für unübersetzbar gehalten wurde. Helgasons stilistischem Overkill, der fortwährend alle Register zieht, war er lässig gewachsen – in diesem Swing, mit dem er auch im Deutschen die Alliterationen zum Tanzen brachte, Sounds und Stilebenen mixte, sich durch die Diskurse der Popkultur rappte und zappte, und für die artistische Sicherheit, mit der er isländische Kalauer in deutsche verwandelte. Wenn man die Songs von Police nicht mehr hören mag, dann heißt das: „mirs stingt’s.“ Was immer man von Helgasons Scherzen hält, die Übersetzung ist gewitzt, sie ist brillant. (Manchmal fragt man sich, ob sie nicht noch etwas schlauer ist als das Original.)

Das gilt nun erst recht für das Opus magnum, mit dem Helgason sich mittlerweile, nach einer Reihe kleinerer, zumeist ebenfalls von Lutz Wetzig ins Deutsche übersetzter Werke, zum Großepiker der isländischen Moderne emporgeschrieben hat, zum Post- und Anti-Laxness. Auf den ersten Blick erscheint diese 60 Kilogramm-Trilogie konventioneller als das wilde Frühwerk, weil es nicht mehr im Dauermonolog erzählt ist, sondern aus einer ruhigeren auktorialen Distanz. Hier geht es weit weg von Reykjavík, in den weltvergesssenen fiktiven Hafen von Segulfjörđur, zurück hinter die Gegenwart ins 19. und frühe zwanzigste Jahrhundert, in die Zeit, in der Island von der politisch und ökonomisch rechtlosen Kolonie Dänemarks zur unabhängigen Republik wird. Um Heringsfang und Handelswege geht es und all die grundstürzenden Wandlungen der Wohn- und Lebensformen, der Denk- und Redeweisen. Und doch steht das große Geschichts-Panorama dem Debüt nicht fern. Denn dieser Gestur, der vor unseren lesenden Augen vom Halbwüchsigen zum Mann wird und dessen Name ihn von Anfang als „Gast“ in einer ihm fremden Welt markiert, hat mit dem punkigen Hlynur die eigenwillige Verbindung von Einzelgängertum und Weltneugier gemeinsam, von unbeherrschbarem Geschlechtstrieb und hamlettermannhafter Grübelei. Und Helgasons Sprachlust ist noch immer dieselbe.

Da gibt es Landschaftsschilderungen von lyrischem Witz wie diese: „Das Regenwasser sickerte zur Bettkante durch und fiel von dort in einem niedlichen Zwergwasserfall zu Boden. (Island ist eben vor allem Landschaft, draußen wie drinnen.)“ Noch immer gibt es keinen Mangel an robusten Sexszenen, aber es gibt auch so wunderbar zarte Metaphern wie diese: „da sanken die beiden Köpfe einander zu wie zwei junge Bäche, die zusammenfließen und dabei nur dem Gefälle folgen“. Derbe Späße wechseln mit lyrischen Nuancen: die beiden „‚sind doch wie Schneeweißchen und Rostigrot‘, knurrte der Bauer aus Bárđaladur. … Draußen lag Mondlicht auf der stillen See, seidengrau auf schwarzem Samt.“ Diese raschen Wechsel der Stilregister zu bewältigen, ohne ins Wanken zu kommen, gelingt Karl Ludwig Wetzig scheinbar anstrengungslos.

Die Kunst seiner Übersetzungen besteht darin, in ihren Gegenständen zu verschwinden, sich so in ihnen aufzulösen, als hätten die Dichter der Edda und die Schriftstellerinnen der Moderne, als hätten Jón Kalman Stefansson und Hallgrímur Helgason auf Deutsch geschrieben. Die Fremdheit, die er uns wahrnehmen lässt, ist die Fremdheit wirklicher Lebenswelten, gesehen aus den Augen, gehört mit den Ohren fremder, eigenwilliger, schöpferischer Menschen. Lutz Wetzigs Übersetzungen sind, unter anderem, auch eine Schule des Respekts und der Empathie.

Und weil Island eben ein Land der Dichtung ist, der epischen Sagas, der rätselhaften Skaldenstrophen und der einfachen Volkslieder, darum ergeben sich manchmal wie von selbst Szenen, in denen Helgasons Dichtung sich im Spiegel der großen alten Überlieferungen gleichsam selber anschaut. Gerade in solchen Passagen zeigt sich Lutz Wetzigs ganze anschmiegsame, genaue und unaufdringlich musikalische Sprachkunst. So beispielsweise ging es zu, „als Rögnvaldur [ein verwirrter Sonderling] sein Lied anstimmte, das keiner der Anwesenden je gehört hatte, das aber jeden ans Herz rührte wie die lippenweiche Hand einer guten Urahnin … Oh ja, das ist sie, meine singende Seele, da ist sie, die Seele, die ich letztes Jahr auf der Hochebene verloren habe, in der grauen Schlucht, in den Anfängen meiner Unbehaustheit, bei meiner dritten Geburt nach einem langen, harten Eismond. … Móđir mín í kví, kví / Mutter mein im Stall, Stall, / lass die Sorgen all, all … Die Melodie war schlicht, fortlaufend, wie eine Hand, die ein Gedicht hochhält und leuchten lässt, ohne Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken, nicht mehr als eine Hand, die ein Licht hält.“

Gibt es ein schöneres Bild für die Arbeit des Übersetzers, der diese Passage so einfach und klangschön, so schlicht und fortlaufend phrasiert, dass man sie liest, als verstünde man auf einmal das isländische Original, als spüre man die Berührung durch „die lippenweiche Hand einer guten Urahnin“ und verstehe die „Unbehaustheit“ nach dem „harten Eismond“? Lutz Wetzigs Übersetzungen sind selbst eine Hand, die das Gedicht hochhält und leuchten lässt, ohne Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken“. Sie sind „eine Hand, die ein Licht hält“, und weil sie das so ruhig und sicher tut, sehen wir es auch. Dafür, lieber Lutz, herzlichen Dank – oder vielmehr: hjartans þakkir!

***

Dankesrede von Ludwig Wetzig zum Zuger Übersetzerpreis

 

Ein Bogen rundet sich

“Guten Tag! Ich möchte einen Termin für eine Einäscherung buchen.”

“Aha. Wie ist der Name?”

“Herbjörg María Björnsson.”

“Ich kann den Namen in meiner Liste nicht finden. Haben Sie den Antrag auf Einäscherung schon eingereicht?”

“Nein. Aber ich möchte jetzt einen Termin für mich buchen.”

“Für Sie persönlich?”

“Ja, genau.”

“Aber… äh, erst muß ein Antrag gestellt werden, am besten online. Nur, wir bearbeiten ihn eigentlich nicht, bevor… na ja.”

“Bevor was?”

“Wir bearbeiten ihn nicht, bevor… na, Sie wissen schon… also bevor die Leute tot sind, okay?”

“Gut. Wenn es so weit ist, werde ich tot sein. Darauf kannst du dich verlassen. Und wenn’s eng wird, komme ich einfach vorbei, und ihr schiebt mich lebend in den Ofen.”

“Lebend?! Nein. Das ist verboten, wissen Sie?”

“Auch gut. Ich versuche, bis dahin tot zu sein. Wann hast du einen Termin frei?”

“Tja, hm, wann würde es Ihnen denn passen?”

Ein Bogen rundet sich

 

“Guten Tag! Ich möchte einen Termin für eine Einäscherung buchen.”

“Aha. Wie ist der Name?”

“Herbjörg María Björnsson.”

“Ich kann den Namen in meiner Liste nicht finden. Haben Sie den Antrag auf Einäscherung schon eingereicht?”

“Nein. Aber ich möchte jetzt einen Termin für mich buchen.”

“Für Sie persönlich?”

“Ja, genau.”

“Aber… äh, erst muß ein Antrag gestellt werden, am besten online. Nur, wir bearbeiten ihn eigentlich nicht, bevor… na ja.”

“Bevor was?”

“Wir bearbeiten ihn nicht, bevor… na, Sie wissen schon… also bevor die Leute tot sind, okay?”

“Gut. Wenn es so weit ist, werde ich tot sein. Darauf kannst du dich verlassen. Und wenn’s eng wird, komme ich einfach vorbei, und ihr schiebt mich lebend in den Ofen.”

“Lebend?! Nein. Das ist verboten, wissen Sie?”

“Auch gut. Ich versuche, bis dahin tot zu sein. Wann hast du einen Termin frei?”

“Tja, hm, wann würde es Ihnen denn passen?”

“Wann möchte ich sterben? Ich habe mir gedacht, vor Weihnachten, in der Adventszeit. Also etwa Mitte Dezember?”

“Hm… ja, da wäre noch was frei.”

“Gut. Würdest du den Termin für mich reservieren?”

“Äh, okay. An welchem Tag denn?”

“Sagen wir am 14.”

“Das ist ein… Montag.”

“Perfekt! Das bietet sich doch an: man fängt die Woche damit an, sich verbrennen zu lassen. Um wieviel Uhr sagst du?”

“Also, es ginge gleich zu Anfang, um neun. Sie können aber auch nach Mittag kommen.”

“Hm, ich denke, nach Mittag ist sicherer. Es könnte ja sein, dass ich mir noch die Pulsadern aufschneiden muß, und das tue ich nicht an einem Sonntagabend. Es könnte auch dauern, bis man so richtig ausgeblutet ist…”

“Ich trage Sie schon mal ein. Doch sind Sie auch wirklich sicher, dass Sie…?”

“Unbedingt. Aber ich möchte, dass der Ofen auch wirklich gut vorgeheizt ist, ich habe nämlich keine Lust, auf kleiner Flamme vor mich hin zu köcheln. Tausend Grad hast du doch gesagt.”

“Ja. Wir können selbstverständlich ordentlich vorglühen…”

“Und man kommt auch sicher mit dem Kopf zuerst rein, oder?”

Dieser Dialog aus dem Anfang von Hallgrímur Helgasons Roman Eine Frau bei 1000 Grad aus dem Jahr 2011 lässt erkennen, mit welcher Art von szenischer Darbietung und fast absurdem oder sarkastisch bösem Humor man bei diesem Autor stets zu rechnen hat, und ich darf mich glücklich schätzen, dass in der Jury des Zuger Übersetzerstipendiums anscheinend Menschen saßen, die mit solcher Art von Humor etwas anzufangen wissen.

Auch mussten sie in meiner eingesandten Probeübersetzung von Hallgríms neustem Roman 60 Kilo Sonntage einen nicht gerade leicht verdaulichen Auszug hinnehmen.

Es geht darin um die abenteuerliche Theorie, dass die immer als ureigen isländisch angesehene Tradition von vierzeiligen Stegreifspottstrophen mit End- und Binnenreim, Stabreim, Assonanzen und weiteren Folterinstrumenten der Lyrik letzten Endes auf den Gebetsruf der Muezzine an der Piratenküste der Berberei in Nordafrika zurückgehen soll! – Was für ein Sakrileg!

Die ganze Theorie vorgebracht in einem altertümlichen und zugleich, gelinde gesagt, höchst eigenwilligen Isländisch eines völligen Sonderlings mit Namen Lausi. Ich erspare Ihnen eine Kostprobe. Es gäbe ja kein Halten mehr, wenn ich mit Beispielen erst einmal anfinge.

Na gut, zwei einzelne Wörter, vor denen ich als Übersetzer weitestgehend kapitulieren musste. Man muss ja nicht immer nur seine genialen Einfälle ausbreiten.

In Band 1 der Trilogie kommt eine Súsanna vor. Nun weiß ich natürlich aus der Erfahrung mit der Übersetzung der vielen Bücher von Hallgrímur, dass es bei ihm keine unverdächtigen Namen gibt. Doch bei Súsanna habe ich mir nun wirklich nicht viel gedacht und eben Súsanna übernommen. Im 2. Band der Trilogie taucht dieselbe Dame wieder auf, doch Hallgrímur schreibt ihren Namen nun getrennt in zwei Wörtern: Sú sanna. Das aber muss eigentlich übersetzt werden mit „Die einzig Wahre”. „Autsch”, kann der Übersetzer dazu nur sagen. „Das Kind ist längst in den Brunnen gefallen.”

Einige von Ihnen, die früher klassische Wildwestfilme geschaut haben, werden sich vielleicht erinnern, dass darin in einigen Szenen der Held, wenn er unvorbereitet ist, in einem einteiligen Unterwäscheset weißlicher Art in Erscheinung tritt (Dean Martin in Rio Bravo vielleicht?). Genau diese Art sehr schön wärmender Unterwäsche gab es in Island auch. Dort wurde sie nach dem Namen der sie herstellenden Strickwarenfabrik durchweg Föðurland genannt, und föðurland heißt Vaterland. Ein Hallgrímur Helgason lässt es sich nicht nehmen, in dieses patriotische Wort föðurland in der Mitte ein kleines h einzufügen, und dadurch wird aus föðurland eben föðurhland, und hland ist nichts anderes als Urin. So haben Sie denn in diesem wunderbar einfachen Wort gleich die ganze bildliche Vorstellung von älteren Herrn in leicht gelblich eingefärbten Unterhosen. – Vielleicht fällt Ihnen dafür eine „kongeniale Übersetzung” ein.

Ja, Hallgrímur Helgason ist ein nicht zu bremsender Wortverdreher, Verballhorner, Sprachpossenreißer, und das selbst über Sprachgrenzen hinweg.

Der 3. Band der Trilogie spielt zu einem guten Teil unter ausgewanderten Isländern in Nord-Dakota und Kanada, und ich darf Ihnen versichern, jede und jeder von ihnen spricht seinen ganz eigenen Mischmasch aus Isländisch und Englisch. Da ist jemand „rießentlich” angekommen und wird erst einmal „outgeaskt”, bevor er zusammen mit anderen „eaten” darf.

Reimnetzschlepper fair and square,

von dannen trägt das Fässchen leer,

dichtet einer von ihnen.

 

Manchmal flutscht es noch nicht so richtig mit dem Reimen.

So dichtet ein Bestatter beim Ausheben eines Grabs:

Eina tek ég þá extra large

í Eyford-kirkjugarði.

Ekkert rímar við extra large.

Andinn stutt hér varði!

 

Ich grabe eins in extra large

in Eyfords Friedhofserde.

Es reimt sich nichts auf extra large,

der Geist versagt hier derbe.

Viele solcher Dinge und das Kauderwelsch eines Lausi als preiswürdige Übersetzungsleistung anerkannt zu haben, kann meine Dankbarkeit Ihnen gegenüber, liebe Jurymitglieder und Freunde des Vereins Zuger Übersetzer, nur noch steigern.

Ja, ich spreche ausdrücklich von Freunden, denn ich finde mich hier nicht bloß vor einer Fachjury und einem Festkomitee wieder, sondern auch vor einer Versammlung von Menschen, die mir schon öfter überwältigend viel Sympathie und Wohlwollen entgegengebracht haben.

Als ich vor mehr als zwanzig Jahren noch relativ am Anfang meiner Übersetzerlaufbahn stand, haben Sie meine Übersetzung eines Romans von – wem anders – HH mit einem Anerkennungspreis gewürdigt. Das war mir ein großer Ansporn.

Heute krönen sie diese Laufbahn mit dem Zuger Übersetzerstipendium. Ich empfinde das als eine wunderbare Abrundung meines Berufslebens: „Es kehret umsonst nicht der Bogen, woher er kommt…”

Das Preisgeld, auf dass ich „kräftig genährt” werde wie in Hölderlins Gedicht, ist eine mehr als willkommene Aufbesserung der Altersrente eines Literaturübersetzers, doch noch viel mehr bedeutet mir die Anerkennung und Wertschätzung meiner Arbeit durch diesen Freundeskreis.

Die Zähsten von Ihnen sind mir nicht nur metaphorisch über Stock und Stein durch die Holprigkeiten meiner Übersetzungen gefolgt, sondern auf unserer gemeinsamen Islanderkundung vor 18 Jahren auch leibhaftig auf beschwerlichen Wanderungen durch menschenleere Steinwüsten im Innern der Insel.

Für Eingeweihte genügt das Stichwort: Þórsmörk.

Ich denke, was Sie da zusammen mit mir durchgestanden haben, hat unsere Verbundenheit durch die Anstrengung – und das eintönige Essen: Fisch, Fleisch, Fleisch, Fisch… – im Nachhinein noch so verstärkt, dass sich meine Reise jetzt zu Ihnen hier nach Zug ein Stück weit wie ein Nachhausekommen zu Freunden anfühlt.

Ich bedanke mich für dieses Geschenk bei Ihnen allen sehr, sehr herzlich.

***

Laudatio von Georg Gerber auf Christophe Fricker zum Zuger Anerkennungspreis

Sehr verehrtes Publikum

Lieber Christophe Fricker

Wir kommen zur Verleihung des Zuger Anerkennungspreises 2025.

Alexander Puschkins Versroman Eugen Onegin umfasst 384 Strophen, sogenannte Onegin- oder Puschkin-Strophen. Diese sich am Sonett orientierenden Strophen bestehen aus je 14 Zeilen in vierfüssigen Jamben und folgen fast ausnahmslos demselben komplexen Reimschema.

Der junge Vikram Seth arbeitete in den 1980er-Jahren an einer Doktorarbeit in Wirtschaftswissenschaften an der Stanford University, als er in einer Buchhandlung mehr oder weniger zufällig auf zwei englische Übersetzungen des Eugen Onegin stiess, die beide exakt die Strophenform beibehielten, die Puschkin verwendet hatte. Seth interessierte sich nach eigenen Angaben nicht für Puschkin oder den Eugen Onegin, vielmehr war er angetan davon, dass beide Übersetzungen, zumindest was die Form betrifft, so originalgetreu waren; in den Worten Vikram Seths, Zitat: „translated so faithfully“. Seth war plötzlich klar, dass er hier die Form vor sich hatte, in der er selbst schreiben wollte. Er selbst sagte, Zitat: „I realized that this was the form I was looking for to tell my tales of California“.

So schrieb Vikram Seth seinen 1986 erschienenen Erstling The Golden Gate in 594 Puschkin-Strophen und wurde damit über Nacht zu einem Weltstar. Diese Anekdote zeigt ja überdies auch, erlauben Sie mir diese allgemeine Bemerkung, die Bedeutung des literarischen Übersetzens. Die Begegnung mit einer Übersetzung war es also, die Seth zu seiner Form gebracht hat.

Und jetzt ist Christophe Fricker daran, The Golden Gate ins Deutsche zu übersetzen, und zwar so formgetreu, wie der Eugen Onegin einst ins Englische übersetzt wurde. Und genauso, wie die Puschkin-Strophe den jungen Vikram Seth fasziniert hatte, so waren wir in der Jury fasziniert von Christophe Frickers Seth Übersetzung.

594 sonettartige Strophen: Das klingt zunächst nach einem sperrigen und angestaubten Werk. Dem ist aber nicht so, oder, um es in den Worten Christophe Frickers zu sagen, Zitat: „Das Wunderbare an dem Roman ist, dass er diese formalen Qualitäten besitzt und zugleich durchweg in einer alltagsnahen, mühelos verständlichen, ungezwungenen Sprache geschrieben ist“.

Was für eine anspruchsvolle Aufgabe also, dieses Werk, über dessen inhaltliche Qualitäten und über dessen Aktualität ich jetzt gar nicht gesprochen habe, zu übersetzen. Dazu braucht es Originalität und herausragende Fähigkeiten in der Originalsprache Englisch sowie in der Zielsprache Deutsch; und über beides verfügt Christophe Fricker in hohem Masse.

Seine Originalität wird schnell sichtbar, wenn man seine Arbeitsfelder anschaut. Er analysiert, berät, lehrt, übersetzt und schreibt in Politik, Geschäftsleben, Tourismus, Bildung und Literatur. Alles auf Deutsch und Englisch und er übersetzt in beide Richtungen. Im Zentrum von Christophe Frickers Arbeit steht also immer die Sprache. Er teilt mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein die Auffassung, dass der Schlüssel zur Lösung vieler Probleme in der Sprache und in ihrer angemessenen Verwendung liegt.

Christophe Frickers tägliche, teils akribische Arbeit mit und an der Sprache führt schliesslich zu seinen übersetzerischen Fähigkeiten, die wir heute auszeichnen und feiern möchten.

Die Leichtigkeit und der Witz, mit denen Christoph Frickers Puschkin-Strophen daherkommen, sind schlicht faszinierend und ein Leseerlebnis der ganz besonderen Art. Ich freue mich schon sehr darauf, alle 594 Strophen in einem Zug durchzulesen zu dürfen.

Lieber Christophe Fricker, ich bitte Sie nach vorne für die Übergabe des Preises.

***

Dankesrede von Christophe Fricker für den Zuger Anerkennungspreis:

Meine Damen und Herren,

Sie verleihen mir den Zuger Anerkennungspreis, und ich möchte mich bedanken. Die schönste Frage lautet jetzt: Wofür?

Die erste Antwort darf lauten: für die Anerkennung, die dem Preis seinen Namen gibt. Nun habe ich gerade ein Buch des Soziologen Hartmut Rosa ins Englische übersetzt, und Hartmut Rosa hat bei Axel Honneth studiert, dem großen Theoretiker der Anerkennung. Rosa setzt sich von seinem alten Lehrer sehr klar ab. Er sagt nämlich, dass Anerkennung nicht das wichtigste ist, wonach wir in der modernen Welt streben sollten. Anerkennung allein könne nicht zu jenen resonanten, gelingenden Beziehungen führen, nach denen sich der Mensch heute sehnt.

Und es ist ja auch so: Der Zuger Anerkennungspreis ist mehr als Anerkennung. Zu dem Preis gehört, dass Sie alle sich über Jahre hinweg dem Übersetzen widmen, dass Sie Ausschau halten und ermutigen, dass Sie hinausgehen und werben und dass Sie zurückkommen und lesen. Zu dem Preis gehört, dass Sie uns alle hierhin einladen, dass Sie eine Stimmung des Besonderen schaffen, dass Sie uns begrüßen, ins Gespräch bringen und bewirten. All das ist der Zuger Anerkennungspreis.

Und deshalb stimmt es zwar, dass Sie mir den Preis verleihen; aber ausgezeichnet, gehoben, höher gestimmt werden wir alle, indem wir uns das Übersetzen vor Augen führen. Dafür bin ich Ihnen dankbar.

Nun kommt die zweite schöne Frage (und später kommt noch eine dritte!): Was sehen wir denn da, wenn wir uns das Übersetzen „vor Augen führen“, wie ich das gerade genannt habe? Wenn ich sage, dass ich Übersetzer bin und dass ich auch noch Übersetzer ausbilde, höre ich manchmal: „Ja, gibt es das denn noch? Hat die Maschine euch noch nicht ersetzt?“ Ich habe darauf eine ganze Reihe von Antworten, aber ich will Ihnen hier keine Vorlesung halten. Der Kern ist für mich aber die Überzeugung, dass es beim Übersetzen nicht um Fertigkeiten und Arbeitsabläufe geht, und auch nicht in erster Linie um Texte. Beim Übersetzen geht es um Menschen. Mir geht es um Sie. Ich übersetze für Sie. Sie sind mein Ansporn und mein ersehnter Gesprächspartner.

Und mir geht es auch – das darf ich vielleicht etwas plakativ sagen – um mich. Ich übersetze, weil ich übersetzen will. Ich würde nicht aufhören zu übersetzen, wenn die Maschine es so gut könnte wie ich. Ich bin nicht der Lückenbüßer des technologischen Fortschritts, sondern der Sprachhedonist, der ein Sprachleben in guter, mehrsprachiger Gemeinschaft führen will. (Den Begriff „Sprachhedonist“ verdanke ich Klaudia Bednárová-Gibová, einer sehr klugen slowakischen Kollegin.)

Wenn wir den Kampf gegen die Maschine gewinnen wollen, wenn wir glauben, dass menschliche Übersetzer eine Zukunft haben, dann haben wir eine große Aufgabe: eigenständige Sichtbarkeit. Wir müssen zeigen, dass wir nicht alle gleich sind. Wenn Ihnen jemand sagt, dass die Maschine bald so gut übersetzen kann wie der Mensch, dann fragen Sie zurück: Welcher Mensch? Der Zuger Anerkennungspreis erkennt an, dass Menschen unterschiedlich übersetzen. Die wichtigste Aussage, die mit diesem Preis verbunden ist, lautet nicht, dass Christophe Fricker besser übersetzt als alle anderen außer Karl-Ludwig Wetzig, sondern dass er anders übersetzt, eigenständig, und dass alle anderen menschlichen Übersetzer auch unterschiedlich übersetzen. Für diese Aussage, für diese Grundannahme, für die Anerkennung dieser übersetzerischen Grundtatsache bin ich Ihnen dankbar.

Jetzt höre ich, wie Sie Ihrem Nachbarn zutuscheln: „Nun hält er ja doch eine Vorlesung. Soll er doch mal über seine Übersetzung sprechen!“ Damit sind wir bei der dritten schönen Frage: Warum verleihen Sie mir den Preis für die Arbeit an einem so eigenartigen Werk? 594 Onegin-Strophen – das ist doch Wahnsinn! Ich kann Ihnen aus alltäglicher Arbeitserfahrung sagen: Ja, es ist Wahnsinn. Warum mache ich das? Ich will die Frage weitergeben, und zwar an den Autor, sozusagen den Erstwahnsinnigen, Vikram Seth. Der fragte sich das nämlich auch – warum dieses Werk? Er fragt sich das sogar in dem Werk selbst. Am Anfang des fünften Kapitels unterbricht er die Romanhandlung für eine solche Metareflexion. Er erzählt von einer Party, auf der er nach diesem Werk gefragt wird und auf der ihm sehr ehrwürdige Partygäste mit Misstrauen begegnen. Will er das wirklich schreiben? Wozu die Reimerei? So etwas Altmodisches! Und wer braucht einen Abklatsch des großen Puschkin?

Hören wir uns, frisch aus meiner Werkstatt, mal an, wie der Autor bzw. der Romanerzähler erst geknickt und dann wieder selbstbewusst reagiert:

 

Der Kritiker und der Verleger

Und der Professor sind selbdritt

So mächtige Bedenkenträger,

Als Autor komm ich da nicht mit.

Für diese großen Geistesfürsten

Bin ich ein armes Dichterwürstchen,

Ich muss doch wissen, dass der Reim

Der Königsweg ins Altersheim

Ist. Wie ein Häufchen Elend haue

Ich ab. Ich will nicht mehr, ich kann

Nicht mehr, ihr könnt mich mal. Und dann

Geht’s doch. Ich lade ein paar schlaue,

Nur halb genervte Freunde ein

Zu reinem Wein und schönem Schein.

 

Wie kann ich diese Form begründen,

Den ganzen komplizierten Reim,

Sind das nicht alles Jugendsünden,

Ein gammeliger Haferschleim,

Den ich in Puschkins Backform gieße?

Was braucht die Welt – verquirlte Grieße?

Herrn Seth, der kleine Brötchen backt?

Ist das nicht alles abgeschmackt?

Die Wahrheit ist: Legitimieren

Kann ich das nicht. Mein Großprojekt

Wird nicht durch ein Programm gedeckt.

Ich will es aber ausprobieren,

Das wird schon werden, irgendwie.

Was gar nicht hilft, ist Theorie.

Ich danke Ihnen für all das, was dieser Preis ermöglicht.