(Hier folgt die ungekürzte Fassung der Laudatio, die in Übersetzen Heft 02/2025 in gekürzter Version abgedruckt ist)
Laudatio auf Thomas Weiler zum Preis der Leipziger Buchmesse (von Thomas Hummitzsch)
Übersetzen bedeutet immer auch, sich in Figuren einzufühlen, um ihnen Glaubwürdigkeit zu verleihen. Das gilt umso mehr, wenn es sich um reale Personen handelt, die zu uns sprechen.
In FEUERDÖRFER kommen Menschen zu Wort, die das Wüten der Wehrmacht in Belarus überlebt haben. Anfang der 1970er Jahre haben Ales Adamowitsch, Janka Bryl und Uladsimir Kalesnik hunderte Erinnerungen aufgezeichnet, die vom abgrundtief Bösen handeln. Die verschriftlichten Augenzeugenberichte haben sie zu einer vielstimmigen Collage montiert.
Direkt und unverfremdet erinnern sich hier einfache Menschen vom Land daran, wie sie den Vernichtungsfeldzug der deutschen Nationalsozialisten im Osten erlebt und überlebt haben. Etwa eine Bäuerin:
Zitat
„Ich liege da und lausche, und sie werden da mit Maschinengewehren, ta-ta-ta-ta, zusammengeschossen, zusammengeschossen mit Maschinengewehren, nachdem man sie ins Haus gebracht hat … Später seh ich die Häuser brennen und das ganze Dorf erleuchten.“
Zitatende
In immer wieder neuen Varianten berichten Menschen dreißig Jahre nach den Ereignissen, welch Leid die Politik der verbrannten Erde über sie gebracht hat. Dieses „Feuergedächtnis“ macht Thomas Weiler in seiner greifbaren Übertragung das erste Mal überhaupt deutschsprachigen Leser:innen zugänglich. In einer Zeit, in der rechtsextreme Ideologien in die Mitte der Gesellschaft drängen, veranschaulicht dieses Buch eindrucksvoll das unvorstellbare Grauen, in das Faschismus und Menschenhass führen.
Der 1978 im Schwarzwald geborene Übersetzer Thomas Weiler bringt seit Jahren Schlüsseltexte aus dem Belarussischen, Russischen und Polnischen ins Deutsche. Mit dem FEUERDÖRFER-Buch legt er eine ebenso erschütternde wie präzise Übertragung vor, deren Lektüre man anders verlässt als man sie betreten hat.
In einem Text zur Übersetzung räumt Thomas Weiler ein, dass sie auch ihn an seine Grenzen gebracht hat. Über Monate und Jahre die Schilderungen derart brutaler Verbrechen zu übersetzen, ohne den Verstand zu verlieren, ist für sich schon eine Leistung.
Thomas Weiler hat sich ganz den Zeugnissen der Überlebenden verpflichtet. Im Sinn der Oral History bleibt er nah am gesprochenen Wort – und damit auch bei den Menschen und ihrem Leid. Er folgt ihren Erinnerungen und Denkbewegungen auch dann, wenn sie lückenhaft und schwer nachvollziehbar sind.
Thomas Weiler rückt nichts zurecht, sondern übersetzt entschlossen leicht an der Norm vorbei. Das Böse präsentiert sich dabei auch sprachlich in all seiner Banalität.
Und er gibt der Fassungslosigkeit Raum, wenn die monströse Vergangenheit die Sprache verschlägt. Er lässt Menschen stottern und innehalten, wenn sie um Worte für das Unsagbare ringen. So dringt bei allem zeitlichen Abstand auch immer der unbändige Schmerz durch diese beklemmenden Berichte.
Mit seiner ebenso sorgfältigen wie einfühlsamen Übersetzung holt Thomas Weiler das Leid der Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes durchs Feuer gegangen sind, aus dem Vergessen.
Wir gratulieren herzlich zum Preis der Leipziger Buchmesse.
[Skript zur Laudatio. Es gilt das gesprochene Wort]