Hieronymusring an Ernest Wichner

(Hier folgen die Laudatio und Dankesrede in ungekürzter Fassung, die in Übersetzen Heft 02/2025 in gekürzter Version abgedruckt sind).

Claudia Sinnig

Laudatio für Ernest Wichner anläßlich der Verleihung des Hieronymus-Rings an Ernest Wichner am 28. Juni 2025 in Wolfenbüttel

Lieber Ernest Wichner, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste,

der Hieronymus-Ring hat mir — neben großer Freude — eine neuartige, anfangs sonderbare Herausforderung beschert: die Wahl der nächsten Ring-Trägerin (oder des nächsten Ring-Trägers). Um zu einer möglichst fundierten, gerechten Entscheidung zu kommen, habe ich so gewissenhaft, so umfassend, so akribisch wie nur irgend möglich recherchiert und mich schließlich völlig erschöpft und verrannt. Da kam mir die verwegene Idee, einmal auf meine Intuition zu lauschen. Und da ging mir plötzlich jene Verzückung durch den Sinn, die mich vor Jahren bei der Lektüre von Vernarbte Herzen ergriffen hatte, einem Roman des Rumänen Max Blecher von 1937, der 2006 in der Übersetzung von Ernest Wichner erschienen war.

Also öffnete ich, um mich zu vergewissern, Vernarbte Herzen – und las mich fest, und dann auch in Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit, Max Blechers erstem Roman von 1936 (Deutsch von Ernest Wichner schon 1990), und dann auch in Beleuchtete Höhle, einem 2008 in Ernest Wichners Übersetzung — und wie die anderen von Suhrkamp — publizierten Buch mit Aufzeichnungen und Skizzen aus dem Nachlass des  neunundzwanzigjährig im Jahr 1938 an Knochentuberkulose verstorbenen Blecher. Und wie damals, wie beim ersten Mal, hat mich die geradezu betörende sprachliche Anmut von Ernest Wichners Übersetzungen – mannigfaltig und grazil, feingliedrig und geschmeidig – tief beeindruckt.

Seither empfinde ich meine nicht enden wollende Erkundung seines übersetzerischen (wie auch literarischen) Schaffens – und damit auch die Gelegenheit zur Annäherung an die rumänische und die rumäniendeutsche Literatur, Geschichte und Kultur als Geschenk und Privileg, die mir der Hieronymus-Ring beschert hat.

Auf der Suche nach Ernest Wichners Handschrift, seiner Kontur – bei Übersetzungen ist das ja schwierig: Wer spricht? Wer ist wer? –  stöbere und drifte, sinniere und schwelge ich in schier unzähligen von ihm übertragenen und verfassten Texten. Ich habe ohnehin die Neigung, „naiv“, also ziellos zu lesen, nicht analytisch (taktisch oder gar strategisch), sondern mich einer Lektüre – besonders bei Neuem, Unbekanntem – möglichst aufgeschlossen zu überlassen, mich ihr bedingungslos auszusetzen.

Hier, bei den Texten von Ernest Wichner ist mir der Übergang zu einem vernünftigen, zielstrebigen, planvollen Lesen – nämlich für diese Laudatio, die ich gerade vortrage – ganz besonders schwergefallen: So eine Vielfalt von ergreifenden, hinreißenden, exzellenten Texten! (Mag sein, meine Affinität zum Litauischen, das dem Rumänischen in mancherlei Hinsicht ähnelt, hat meine Empfänglichkeit befördert.) Jedenfalls wurde ich von Mal zu Mal zufriedener, glücklicher mit meiner Entscheidung, den Hieronymus-Ring an Ernest Wichner weiterzugeben. Aber mit meinem Vorhaben, so etwas wie seine Handschrift ausfindig zu machen in diesen so mannigfaltigen, ganz offenkundig brillant übersetzten wie ausgewählten Werken, kam ich, wenn überhaupt, nur schleppend voran.

Aus einiger, mühsam errungener Distanz fielen mir schließlich jenseits der Texte zwei gleichsam „objektive“, biografische Vorzüge von Ernest Wichner auf – die beide zusammen in einer Person wohl ziemlich außergewöhnlich und von enormem Vorteil sind für einen Literaturübersetzer.

Der erste dieser beiden Vorzüge besteht in seiner an Zweisprachigkeit grenzenden, besonderen Vertrautheit mit dem Rumänischen – und zwar dem Rumänischen im weiteren Sinne, dh mit der rumänischen Sprache, Literatur und Kultur, Lebensweise und Mentalität. Der zweite darin, dass Ernest Wichner selbst – von Jugend an – Schriftsteller, Literat, Lyriker ist, und also mit der „artistischen Weltwahrnehmung des Dichters“ (wie er selbst einmal formuliert hat) ausgestattet. Geboren 1952 in Guttenbrunn, in der Region Banat, in Rumänien, wo er von früh an (im Kindergarten, las und hörte ich) neben seiner Muttersprache Deutsch auch Rumänisch lernte und sprach und wo er auch, an der Universität in Timișoara, sowohl Germanistik als auch Rumänistik studierte, sowie 1972, also bereits als Zwanzigjähriger, Gründungsmitglied des heutzutage legendären Schriftstellerkreises „Aktionsgruppe Banat“ war (der bis 1975 bestand). Seit 1975 lebt Ernest Wichner in Deutschland, seit 1976 in Berlin, wo er ab 1988 am Literaturhaus in der Fasanenstraße gearbeitet hat, von 2003 bis 2017 als dessen Leiter. Dort habe auch ich ihn kennengelernt, bei einer meiner Lesungen litauischer Literatur – wann und aus welchem Anlaß, wissen wir beide nicht mehr so genau.

Ein Literaturübersetzer also, beinahe – oder ganz und gar – zweisprachig, in beiden Kulturen zuhause, in beiden Sprachen und Literaturen sogar studiert, und überdies – oder gar vor allem? – selbst Schriftsteller. Noch dazu Lyriker – also Schriftsteller (oder war es Sprache?) zum Quadrat (wie es ein Dichter, ich glaube der Litauer Tomas Venclova, einmal gesagt hat). Diese „objektiven“ Vorzüge lassen die enorme Vielfalt, Dichte und Exzellenz der von Ernest Wichner aus dem Rumänischen übertragenen Werke zumindestens ein bißchen plausibler, begreiflicher erscheinen: von Mircea Cărtărescus geradezu überbordender, üppig fabulierender Prosa über die Romane und Erzählungen von Varujan Vosganian und Norman Manea bis hin zur Lyrik von Dana  Ranga und Nora Iuga, von Daniel Bănulescu und Ion Mureşan, um nur einige von ihnen zu nennen. Neben anderen Auszeichnungen wurde Ernest 2020 für seine Übersetzungen rumänischer Literatur ins Deutsche mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis gewürdigt.

Um nun doch wenigstens ansatzweise das spezifische Gepräge des Literaturübersetzers Ernest Wichner zu verstehen, habe ich mich mit einigen seiner Begleittexte (Nachwörtern, biobibliografischen Notizen) zu den Übersetzungen, die mir besonders aufschlussreich vorkamen, beschäftigt. Ich merkte auf, als ich im Nachwort zu dem Lyrikband Acces interzis! (Zugang verboten!, 2008) des 1955 geborenen Dichters Ion Mureşan auf aufschlussreiche, letztlich weit über das Literarische hinaus weisende Betrachtungen zu Mureşans lyrischem Subjekt stieß: „Ein deutscher Leser dieser Gedichte könnte dazu neigen, sie als […] Protokolle des Ich-Verlusts zu lesen und nicht – wie vom Autor angelegt – als eine Dichtung, die sich gesellschaftlichen oder, schlichter gesagt, mitmenschlichen Erfahrungen öffnet und die Prägung durch die ‚eigene Stimme‘ des Autors abschwächt.“ (S. 101)

Sie erinnerten mich an Ernests Erläuterungen zum Ich-Erzähler von Max Blecher im Nachwort zu Vernarbte Herzen (2005): „Während die Person mit überscharfen, beinahe pathologisch überreizten Sinnen sich selbst und ihre unmittelbare Umgebung wahrnimmt, steht der Autor einige Schritte dahinter und notiert diese Wahrnehmungen und Sinneseindrücke mit wachem Verstand.“ (S. 221 f)

Bald merkte ich, dass nicht nur diese beiden, sondern auch die anderen Begleittexte von Ernest Wichner, die ich las, etwas Wesentliches gemeinsam haben: Sie treffen nicht nur eine (wohl immer nützliche) präzise Unterscheidung zwischen Verfasser und lyrischem bzw. erzählendem Subjekt, sondern sie gehen überdies – oder vor allem? – dem einzigartigen Verhältnis des jeweiligen Schriftstellers zu seiner spezifischen – historischen, gesellschaftlichen, sozialen – Wirklichkeit auf den Grund.

Ich gestehe, dass der historische, soziale Kontext von Literatur und Literaten auch für mich selbst immer von Interesse ist – vielleicht wegen meiner Beschäftigung mit Litauen, das den Verwerfungen – nicht nur – des 20. Jahrhunderts so stark ausgesetzt gewesen ist (oder weil ich selbst in einem untergegangenen Staat, der DDR, aufgewachsen bin). Insofern empfinde ich es als Genugtuung und Privileg, dich, Ernest Wichner insbesondere auch für deine Bereitschaft zu würdigen, dich couragiert und gewinnbringend „historischen, soziokulturellen und politischen Überlegungen“ zu stellen statt (wie du selbst es einmal formuliert hast) „immanent im Bereich des Poetischen“ zu verbleiben.

Zum Beispiel dein weit über den „Dienst nach Vorschrift“ eines Literaturübersetzers hinausgehendes Eintreten für den Schriftsteller Max Blecher. Im Nachwort zu Beleuchtete Höhle (2008) erfahren wir, dass die meisten rumänischen Literaturwissenschaftler bis zu deinen aufwändigen Nachforschungen gemeint hatten, „M. Blecher habe alles Wissenswerte über sich selbst in seinen Büchern ausgesprochen, es seien schließlich autobiografische Bücher. Dass der 1938 gestorbene Schriftsteller wie seine gesamte Familie Jude war, dass in seinem Todesjahr die offizielle und systematische Eliminierung der rumänischen Juden begann, konnte Blecher in seinen ‚autobiografischen‘ Texten zwar nicht mehr beschreiben, aber es war folgenreich dafür, dass wir heute so wenig über ihn und seine Familie wissen. Denn erreicht haben uns lediglich seine Bücher, spärliche Angaben über seine Lebensumstände und sein Schicksal als Kranker. Doch auch hierin überwiegen die Fragen…“ (S. 175 f)

Ernest Wichner hat mit der so gründlich recherchierten, im Nachwort zu Beleuchtete Höhle ausführlich und sogar illustriert dargestellten Lebenbeschreibung Max Blecher dem bereits eingetretenen Vergessen entrissen – nichts Geringeres als das.

Dieses entschiedene, handfeste Engagement für den rumänisch-jüdischen Schriftsteller erinnert mich an Ernest Wichner, wie ich ihn persönlich kennengelernt habe: Ein einfühlsamer, zugewandter Mensch von besonderer Hilfsbereitschaft und eindrücklichem professionellem wie menschlichem Anstand. Für preiswürdig halte ich außerdem seine in Begleittexten wie diesen, aber auch im „echten Leben“, zB im Umgang mit Schriftstellern und Übersetzern, spürbare besondere Sensibilität für mittel- und osteuropäische sowie postkommunistische Befindlichkeiten, und zwar vermutlich schon immer, also längst vor der (so unselig) so genannten „Zeitenwende“.

Das Nachwort zu Beleuchtete Höhle verweist aber noch auf einen weiteren, für mich bewundernswerten Wesenszug von Ernest Wichner: Das fragende Ergründen als Gestus – oder Voraussetzung? oder Motivation? oder Anstoß? oder Motor? oder Nebenwirkung oder Nebenprodukt? – des literarischen Übersetzens (wahrscheinlich alles zusammen, von allem etwas). Diese die Tiefgründigkeit und Kreativität seiner „eigentlichen“ Übersetzungsarbeit andeutenden Geleitwörter sind wohl nicht nur für rumänische Schriftsteller förderliche Präsentationen und für die deutschsprachige Leserschaft nützliche, wertvolle Lektürehilfen: Sie scheinen auch (vor allem?)  Ausdruck einer fortgesetzten eigenen Selbstverständigung zu sein, bei der der Übersetzer nicht vom Lyriker, der Deutsche nicht vom Rumäniendeutschen (und also auch nicht von der rumänischen Zivilisation im u.a. zeitlich und räumlich weitest denkbaren Sinne) zu trennen ist.

Von diesem „Mehrwert“ profitiert neben den Übersetzungen, ihrer Leserschaft und den übersetzten Literaten auch die deutschsprachige Literatur. So sinniert Ernest Wichner zum Beispiel über das erwähnte soziale, also beispielsweise auch im Namen seines Nachbarn sprechende lyrische Subjekt von Ion Mureşan: „Wir kennen in der deutschsprachigen Lyriktradition kaum Stimmen, die ein solches Sprechen zwischen artistischer Weltwahrnehmung des Dichters und trivialer Alltagswahrnehmung des ‚Nachbarn‘ versucht hätten, deren Poetologie darauf gesetzt hätte, ‚unreine‘ Texte als gültige Gedichte erscheinen zu lassen.“ (S. 102)

Und dann, als Bekräftigung, gleichsam, dass wir uns nicht in einem „luftleeren“, sterilen Niemandsland, sondern bereits (auch) auf dem Boden der deutschsprachigen Lyrik bewegen, genauer: dort, wo – unter anderem – Rumänisches und Deutsches „unrein“ miteinander vermengt sind: „Begegnet man solchen hybriden Texten als Übersetzungen aus einer fremden Sprache, so hat man es mit verdoppelter Fremdheit zu tun, denn schon die anscheinend poetisch konsistente Sprechweise eines rumänischen Gedichts ist ein Stück Fremdheit in verstehbarem Deutsch; die soziale ‚Kreolisierung‘ der rumänischen Diktion aber verdoppelt diese Fremdheit und schafft eine Herausforderung, der möglicherweise nur mit einem Rekurs auf surrealistische Lesepraktiken beizukommen ist.“ (S. 102)

Bei diesem „Wichnerschen Surrealen“ geht es wohl um mehr als um diese an und für sich natürlich schon reizvolle Kreolisierung: Nämlich – wiederum letztlich über das immanent Literarische hinausweisend – um eine (maximal) adäquate literarische (= künstlerische) Reaktion auf eine unfaßbare und verworrene Wirklichkeit.

So verweist Ernest ausdrücklich darauf, dass Max Blecher die ihm von Eugen Ionescu bescheinigte „phantastische Realität der Dinge“ selbst einmal in einem Brief als Surrealität bezeichnet hat[i]: „Die Irrealität und das Chaos des alltäglichen Lebens sind für mich schon seit langem keine vagen Probleme der intellektuellen Spekulation mehr: ich lebe diese Unwirklichkeit und ihre phantastischen Ereignisse. Die erste Freiheit, die ich mir zugestanden habe, war die Unverantwortlichkeit des einen meiner inneren Akte für den anderen – ich habe versucht, die Fessel der Folgerungen zu zerreißen und als Aufrichtigkeit mir selbst gegenüber bin ich bestrebt, jeder Neigung zum Halluzinatorischen den gleichen Rang von geistiger Klarheit und selbstverständlichem Wert zu verleihen. In welchem Umfang und auf welche Weise die Surrealität ihre Tentakeln in mir ausbildet, weiß ich nicht, kann ich auch nicht wissen … Mein Schreibideal ist, die hohe Spannung, welche die Malerei von Salvador Dali ausstrahlt, in Literatur zu verwandeln. Das ist es, was ich leisten möchte – kalt jenen Wahnsinn lesbar zu machen und wesentlich.“ (2003, S. 153)

Das Surreale „a la Wichner“ also als kalkulierte Steigerung, als erhöhte Anspannung — nicht Lockerung: SUR-Realität – angesichts einer gespenstischen/ albtraumhaften, widersinnigen/ unfassbaren Wirklichkeit. Also ausdrücklich nicht zu verwechseln mit einer (Welt)Flucht ins Traumhafte. Und Hybridität, die Fremdes, Widersprüchliches, Unvereinbares umfaßt, ausdrücklich nicht zu verwechseln mit einer — gerade auch im postkommunistischen rumänischen Literaturbetrieb — allgegenwärtigen bequemen, gleichgültigen, feigen Beliebigkeit: „Der Dichter Ion Muresan [hat es] nach der Diktatur […] vorgezogen, sich im aufgeregten ‚anything goes“ der Nachwendezeit zurückzuhalten. […] Offen und risikoreich, [hat er] gelernt, aufs Ganze zu gehen, sich und seinen Lesern alles abzuverlangen“. (2008, S. 103)

Das für mich wohl beeindruckendste Dokument von Ernest Wichners übersetzerischem Mut und Anstand ist sein beharrliches Ringen mit und um die für ihn fortgesetzt „irritierenden, […] herausfordernden und verstörenden“ (2009, S. 151) Gedichte des 1960 geborenen Schriftstellers Daniel Bănulescu. Angesichts dieses Provokateurs, der die Grenzen des Literarischen – und damit auch sein eigenes Werk und damit auch die Sinnhaftigkeit, Notwendigkeit der Übertragung in andere Sprachen – infrage zu stellen, zu überschreiten, zu sprengen scheint, entscheidet Ernest sich (wiederum im Gegensatz zu einem Großteil der rumänischen Literaturkritik) dafür, diese Verse weder einfach hinzunehmen noch sie zu ignorieren, sondern sowohl die Person Daniel Bănulescu als auch ihre Texte als Herausforderung zu begreifen und sie anzunehmen.

Dabei treiben ihn, so im Nachwort zum ersten von ihm übersetzten Bănulescu-Gedichtband (2004), wieder auch Fragen nach dem lyrischen Subjekt um: „Inwieweit ist solches Sprechen […] die Stimme einer Figur, eines konstruierten lyrischen Ich? Inwiefern ist der Autor oder seine Figur ein synthetisches Konstrukt aus den schillerndsten Verdrängungen, Deformationen und Faszinationen seiner oder ihrer Umwelt?“ (2004, S. 138) Diesen und anderen Fragen ist Ernest in offenbar ziemlich hartnäckigen Auseinandersetzungen mit dem Verfasser selbst auf den Grund gegangen, denn er beschließt sein Nachwort mit der folgenden denk- und, ich würde sagen, preiswürdigen Passage:

„Was hat ein Übersetzer über das von ihm übersetzte Werk zu sagen? Welches Recht hat er, jenseits der unermesslichen Einflussnahme des Übersetzens, sich urteilend zu äußern? Fragte ich mich dieses, so versuchte ich, mich im Urteilen zurückzuhalten. Ich ließe vielleicht durchblicken, dass ein übersetzendes Zusammenleben mit einem Dichter nicht ohne Kollisionen verlaufen kann – die Euphorien  sind geschenkt. Der Ein- und Widerspruch hat uns das Leben versüßt. Wir haben gerauft und wie Vetteln gezankt, damit lesende Menschen zu ihrem Recht kommen. Da wollten wir hin.“

Wichners Ringen mit und um Daniel Bănulescus Lyrik nimmt in dem einige Jahre später, 2009, publizierten Band Was schön ist und dem Daniel gefällt eine für mich überraschende Wendung – und zwar ins Verheißungsvolle. Sie erwächst, scheint mir, aus dem direkten Zwiegespräch mit den Bănulescu-Versen, die ihm ins Gewissen reden, ob er „denn nicht wüsste, wie anstrengend es ist und welcher Kunstfertigkeit es bedarf, auf überzeugende Weise böse zu sein“ (2009, S. 151) – und die ihn an Guillaume Apollinaires Gedicht Zone erinnern, das ihn, als er es einst (in den 1980er Jahren?) ins Deutsche übertrug, „in ähnlicher Weise provoziert, angezogen und abgewiesen, entzückt und verärgert“ hatte.

„Hybrid“ lautet wohl auch hier das – vielleicht von der Apollinaire-Übersetzung her kommende/ eingegebene? – Zauberwort, das auch in Banulescus so aufrichtigen, so schönen, so abstoßenden, vor allem aber so heillos wirkenden Texten die Möglichkeit einer Hoffnung, eines Trosts, ja einer Verheißung aufschließt: von „jemandem, der sich einnehmen lässt von ihrer irritierenden Gestalt, der durch seine Verstörtheit hindurch lesend und mit- und weiterdenkt.“ (S. 153)

Ob dieser jemand nicht vielleicht der Übersetzer selbst ist, frage ich mich, wenn ich lese: „Daniel Bănulescus Gedichte […] erzählen von der erfundenen Autobiografie des Dichters und schwemmen in ihrem Sprechen all die Bedrängnisse mit, die der Freiheit zur Selbsterfindung entgegenstanden. Sie verzeichnen metaphorisch diese Bedrängnisse und stellen Momente von Zärtlichkeit und Empathie her, in denen blitzartig alles zu einem guten Ende zu kommen scheint, aufgehoben in Texten, die von ihrer Begrenzung wissen und deshalb wahrscheinlich nach einem Pathos suchen, das wie von Ferne an die großen Zeiten der Dichtung erinnert …“ (S. 154)

Zum Abschluss ein Gedicht von Ernest Wichner, das zeigt: Der Übersetzer läßt sich nicht trennen vom Lyriker (und umgekehrt?):

„IN EINER ANDEREN ZUNGE REDEN WIR

doch mit der gleichen Stimme“, rief hinter

den Schlagbäumen ein toter Dichter, und

als er längst verklungen war, erfanden wir

die Utopie. Drangsal schloss sich an, doch

 

nur als Wort und nicht die Sache selbst

desgleichen Chaosgeometrie und Wetter-

leuchten. Stundenlang spielten wir nun

vereinzelt und in Gruppen, wie es sich wohl

 

ausnehmen mochte, wenn man uns allesamt

entließe und nach Hause jagte, die Wirknacht

als Dunkelzone im Gepäck, taumelnd

zurück nach Gottlob und Liebling, Jahrmarkt

Fibisch, Aliosch, Traunau und Guttenbrunn.

 

(in: Ernest Wichner, Heute Mai und morgen du. Gedichte. Schöffling & Co. Frankfurt/ Main, 2022, S. 36)

 

[i] EWs „Biobibliographische Notiz“, in: Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit

***

Dankesrede für die Verleihung des Hieronymus-Rings durch Claudia Sinnig. Wolfenbüttel, 28. Juni 2025

 

Abschweifung 7: Davon dann doch also Übersetzung[1]

Übersetzung, das ist doch, bitte sehr, das falsche Wort für eine Sache, die es im Grunde nicht gibt. Das falsche Wort, weil es, im Deutschen zumindest, eine materialiter vollzogene Translokation suggeriert, die dann aber mein In-eine-andere-Sprache-bringen-wollen natürlich schon ausschließt. Und eine Sache, die es so allgemein nicht gibt, weil ja tatsächlich jeder einzelne (reale oder potentielle) Lesakt im Kopf des Lesers oder des Hörers eine andere Lesart herstellt als das Druckbild oder die Akustik der sogenannten Übersetzung, die somit auf jeden Fall ein präsumtives Original ist, auch wenn wir es als solches nie kennen, sondern immer nur die eigene Wahrnehmungsvariante, also Übersetzung, dann doch, davon.

(Oskar Pastior: Der Vorgang. Das Ergebnis. Wumm. die horen, 2/2005)

Abschweifung 8: Wie man eine Wurst übersetzt, wenn kein Meerrettich zur Hand ist

In Bukarest schickt mich ein junger rumänischer Dichter ins Restaurant Carul cu Bere, deutsch „Der Bierwagen“, eine Art Bierkathedrale bayerisch-balkanischer Art, ich möge dort eine Portion cremvurşti alb, also weiße Creme-Wurst essen. Dort angekommen, sehe ich diese Spezialität wie angekündigt auf der Speisekarte vermerkt und auf einem der Tische in meiner nächsten Nachbarschaft ein paar Weißwürste friedlich bei scharfem Senf und Ketchup liegen, auch dass und wie genussvoll sie verspeist werden.

Im Rumänischen heißen Würstchen cârnăciori, mithin wird nicht jedem rumänischen Esser bewusst sein, was cremvurşti eigentlich heißt. Mir aber sagt dieser Esser, er verspeise etwas, das aus einer weißen Creme besteht, und ich folge dieser fleischlichen Creme zurück an ihren Ursprungsort, der Wien oder Graz oder Salzburg gewesen sein mag, wo das Krenwürstel hergekommen war, nämlich das Wiener- oder Sacher-Würstl, das man mit frisch geriebenem Kren, also Meerrettich isst. Und ja, die Konsistenz auch dieses Würstchens mag man als von cremiger Natur wahrnehmen, wie jene der Weißwurst in München und Umgebung. Also wird dem Rumänen der Meerrettich zur Creme und die in rumänischer Graphie geschriebene Wurst zum Zipfel dran. Und nichts davon steht irgendwo in einem Wörterbuch. Erst recht nicht, dass die Würstchen, die meine Eltern in meiner frühen Kindheit vom Faschingsball mit nach Hause brachten, und die dann gleich nach dem Frühstück einmal im Jahr ihren festlichen Auftritt auf unserem Küchentisch hatten, in unserem Guttenbrunner Dialekt (der vor etwa dreihundert Jahren mit unseren Urahnen aus dem Odenwald eingewandert war) Griewärschtl hießen, so dass ich als Kind nicht begreifen konnte, warum ein Würstchen, das gelblich-rosa gefärbt war, als grünes Würstchen bezeichnet wurde. Auch heute weiß ich noch nicht zu sagen, warum höchstwahrscheinlich auch in den paar Dörfern im Odenwald, woher die Guttenbrunner ins rumänische Banat eingewandert waren, der Meerrettich Grie heißt. Dafür habe ich begriffen, warum in Guttenbrunn der Dill Gapper hieß.

Abschweifung 9: ‚… aus der Fraktur in die Antiqua‘

Die Übersetzungsprobleme beginnen schon bei der Typographie und Orthographie. Die landläufigen Anthologien deutscher Gedichte („von den Anfängen bis zur Gegenwart“) stecken, genau genommen, voll von Übersetzungen: Barockcarmina werden aus der Fraktur in die Antiqua übersetzt. Goethes Jugendgedichte werden bedenkenlos in eine heute übliche Rechtschreibung übertragen: Es giebt kein Mayfest mehr und keine Wehmuth mit gehörigen Thränen, keinen Seegen und keine Freyheit.

Was in den Editionen als „behutsame Normalisierung“ (unter „Wahrung des Lautstands“) der Gedichte ausgegeben wird, das sind in Wirklichkeit uneingestandene Übersetzungen in eine vermeintlich bekannte Sprache. Jede Rechtschreibreform führt zu einer nicht lizensierten Massenübersetzung gerade derjenigen Texte, die als unübersetzbar gelten und deren Fremdsprachigkeit zu ihrer bewahrenswerten Wesenseigentümlichkeit gehört.

(Wulf Segebrecht: Sätze übers Übersetzen, die horen, 2/2005)

Abschweifung 10: Kain und Abel – Oder die Quadratur der Kreisüberseztung

Kain kann nicht in Abel übersetzt werden. Abel aber auch nicht in Kain. Kein Quadrat würde durch Übersetzung zum Kreis, kein Kreis zum Quadrat. Übersetzen hat Grenzen, und dies gilt stärker noch für die gern universell angewandte Übersetzungsmetapher. Denn es ist keineswegs so, dass alles in etwas anderes übersetzt werden könnte, wie es oft heißt, oder überhaupt alles Übersetzung wäre, oder, frühromantisch: Alle Poesie Übersetzung – eine in seiner poetologischen Dichte zwar unübertroffene und schier kokette Überdrehung zweier ohnehin ausgeleierten Begriffe, die man jenseits von Bonmots wohl eher eng fassen sollte, um sie“ in den Griff zu kriegen und abzusetzen gegen „die verwandten [Begriffe] Lyrik, Nachdichtung und Übertragung“.

(Dagmara Kraus: Poetiken des Sprungs. Engeler Vlg., Schupfart 2023)

Abschweifung 10: Ein Wettlauf

„Bis 2116 wird sich die Zahl der auf der Erde gesprochenen Sprachen von 6.000 womöglich auf 600 reduzieren.“, lese ich bei John McWhorter, der im Verlauf seines kleinen Aufsatzes zu dem Schluss gelangt, dass letztlich das Englische sich als dominierende Sprache durchsetzen, ja besser wohl erhalten wird. Dann war es das, liebe Freunde, mit dem Übersetzen. Nun ja, wenn die Unsterblichkeitsingenieure, -Doktoren und -Investoren á la Musk und Peter Thiel nicht doch die Erfolge erzielen, an die niemand von uns so recht glauben mag, wird dies keine und keinen der hier Anwesenden wirklich betreffen. Eher werden uns ihre früheren Investments zu schaffen machen, indem sie all unser Schaffen erübrigen. Denn überholt wird das rapide Absterben der Sprachen vom Verschwinden unseres Berufs als Übersetzerinnen und Übersetzer. Wenn kaum noch Sprachen vorhanden sind, aus und in die Texte übersetzt werden könnten, wird das Wenige das zwischen den letzten drei Sprechergruppen noch ausgetauscht werden soll, wohl auf dem Wege der Direktinduktion mitgeteilt werden. Denn auch die gegenwärtig offenbar noch die Vielfalt der „wichtigen“ Sprachen berücksichtigende KI wird längst konstatiert haben, dass ihre Enkel und Urenkel recht hatten, mit ihren Mahnungen, es mit der wohlfeilen Mehrsprachigkeit nicht zu übertreiben.

(John McWhorter: Wie die Welt sich in 100 Jahren verständigen wird. In: Sprache. n Lesebuch von A – Z. Perspektiven aus Literatur, Forschung und Gesellschaft. Deutsches Hygiene-Museum, Dresden 2017)

Abschweifung 11: Einmal Babel und zurück

Der soeben zitierte John McWhorter weist darauf hin, dass die Erzählung vom Turmbau zu Babel auch deshalb so bemerkenswert ist, weil „hier Sprachenvielfalt als Fluch dargestellt wird, nicht aber die Vorstellung universalen Verstehens als Segen“. Der strafende Gott will, wie der Zensor einer Allmacht anstrebenden Diktatur die Verständigung unter den Menschen unmöglich machen.

Dieser schlichten Erzählung von der Hybris der Macht widerspricht Oskar Pastior mit dem Vorwurf der Inkonsequenz. Fatal an der Straf- und Erziehungsaktion Gottes war nicht, dass er den Völkern der Welt, je eigene, von den anderen Völkern nicht verstandene Sprachen zuwies, sondern dass er dieses Differenzierungsprojekt vorzeitig abgebrochen hat. Ein wünschenswertes Ende wäre erreicht gewesen, wenn jedes Individuum über seine eigene Sprache verfügt hätte, dann erst wäre die Bedingung der Möglichkeit von Poesie als radikalem Selbstausdruck und damit wahrhaft freier Rede erfüllt gewesen. Gott hätte sich nach wohlverrichteter Tat zurücklehnen können in seinem Lesesessel und weiterlesen in Chlebnikows Sternensprache oder in Pastiors Krimgotischem Fächer.

Und wir alle könnten frei sprechen, auf der Agora ebenso wie in den Armen derer, die wir lieben, auf den Bühnen und in allen technisch vermittelten Medien. Immerhin wüsste jedes Ich, dass auch die Vielen neben und um es herum frei sind, alles so mitzuteilen, wie es ihnen nötig scheint oder Freude bereitet – ob das Gesprochene nun Poesie genannt wird, private Mitteilung oder öffentliche Verlautbarung.

Abschweifung 12:

Das Lexikon für Theologie und Kirche weiß zu Hieronymus Sophronius Eusebius unter „III. Persönlichkeit, Bedeutung, Wirkung“ mitzuteilen: „Hieronymus war eine faszinierende, aber wegen seiner Überempfindlichkeit, Reizbarkeit und sarkastischen Polemik auch schwierige Persönlichkeit. In ihm verband sich treue Kirchlichkeit mit asketischen Idealen, unermüdlicher Arbeitseifer sowie literarisch und exegetisch-theologische Bildung. Der philologisch orientierte Hieronymus hat die Bedeutung des Urtexts für die Exegese erkannt, bei der er den Literalsinn bevorzugte, ohne den geistigen preiszugeben. Seine Hauptleistung sind die Bibel-Übersetzungen, die großenteils in die Vulgata eingegangen sind.“

Ich selbst halte mich nicht für überempfindlich und auch nur in seltenen Ausnahmefällen für reizbar, wiewohl ich, durchaus keine schwierige Persönlichkeit – so mein jüngerer Sohn Julian – zu sarkastischer Polemik neige. Von treuer Kirchlichkeit kann in meinem Falle genauso wenig gesprochen werden wie von asketischen Idealen oder einem unermüdlichen Arbeitseifer. Wenn literarische Bildung mit ausgiebigen Lektüren schon von Kindesbeinen an zu tun hat, dann treffen die Kindesbeine auf mich zu; sie waren so schnell, dass ich mich vor jeder exegetisch-theologischen Bildung – die Ideologien meiner frühen ‚Heimatregion‘ mit eingerechnet – rechtzeitig durch Flucht entziehen konnte. Das diesbezüglich fehlende Wissen steht fein säuberlich geordnet in Form umfangreicher Nachschlagewerke in meiner Arbeitsbibliothek. Mithin bleibt als gemeinsame Schnittmenge zwischen dem Namensgeber dieser Auszeichnung und mir nur die gelegentliche Neigung zum Sarkasmus und die möglichst präzise Beachtung dessen, was hier Literalsinn heißt, bei nicht zu übersehener Neigung zum Flirt mit dem geistigen.

Abschweifung 13: Fußnote nebst Unterhaltungsprogramm

Im 1993 in der Anderen Bibliothek erschienenen Immerwährenden Heiligenkalender lässt sich dessen Autor Albert Christian Sellner ausgerechnet zum 30. September, dem Tag des Hl. Hieronymus zu einer besonders kühnen Übersetzung hinreißen, hier lesen wir gleich im ersten Satz: „Der aus Bosnien oder Dalmatien stammende wissensdurstige Hieronymus zog als Jüngling nach Rom, um alle Seiten der Gelehrsamkeit und Rhetorik kennenzulernen.“  Wie wäre es, wenn man Bosnien oder Dalmatien zurückübersetzte in die Wirklichkeit des 4. und 5. Jahrhunderts und sich dabei für Illyrien entschiede? Will man ihn in Bosnien oder Dalmatien geboren wissen, so muss man seine Geburt ins 7. bis 8. Jahrhundert hinüber setzen.

Nach dieser etwas beckmesserischen Intervention will ich Ihnen jedoch nicht vorenthalten, was dieser Heiligenkalender über unseren weltberühmten Kollegen noch Bemerkenswertes mitzuteilen weiß: „Die Lehren der heidnischen Professoren und die Verlockungen der Weltstadt ließen die Grundsätze seines christlichen Elternhauses verblassen. Hieronymus war von Natur zu starker Sinnlichkeit veranlagt, und die Leidenschaften, vor allem die Fleischeslust, überwältigten ihn. Bald hatte er seine Unschuld in den Armen schöner Römerinnen verloren und teilte seine Tage zwischen Philosophenrunde und Lotterbett. Dass er nicht völlig in den Fluten der Wollust versank, verdankte er seinem Wissenstrieb, der ihn immer wieder in den Bibliotheken der Ewigen Stadt nach Erkenntnis suchen ließ.“

Plötzlich tritt uns der auf Dürers berühmtem Stich konzentriert an seinem Schreibpult sitzende Gelehrte als fleischeslüsterner Bonvivant entgegen, ein würdiger Vorläufer des Venezianers Giacomo Casanova, den wir uns künfig auch in einer Bibliotheksklause im böhmischen Dux von einem schläfrigen Löwen bewacht über nicht enden wollende Manuskripte gebeugt vorstellen dürfen. So gesehen, fehlt auf dem goldenen Ring, der diesen Preis symbolisiert, neben dem Ω ein Alpha.

[1] Die Abschweifungen 1-6 sind die Dankesrede zum Johann Heinrich Voß-Preis 2020; nachzulesen im Jahrbuch 2021 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Darmstadt 2022.