(Dies ist die ungekürzte Version der Laudatio, die in Übersetzen Heft 02/2025 in gekürzter Version abgedruckt wurde. Diese Laudatio erschien am 19.7. 2025 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.)
Von einer in die andere Geistersprache
Warum Kim Hyesoons aus dem Koreanischen übersetzter Gedichtband „Autobiographie des Todes“ auch in deutscher Übersetzung so bewegt.
Von Deniz Utlu
Ein Brief wird kommen von dort, wohin du nicht zurückschreiben kannst.“ Mit diesem Vers eröffnet das Gedicht „weiße nacht“ aus dem Gedichtband „Autobiographie des todes“ von Kim hyesoon (F.A.Z. vom 27. Februar).
Ein programmatischer Vers für Gedichte, die den Raum zwischen Diesseits und Jenseits erkunden. Sie erkunden nicht wirklich, denn das würde heißen, dass sie bisher fremde Räume be – gehen, um sie zu verstehen. Aber genau das ist hier nicht der Fall, die stimmen in diesen Gedichten sprechen geradewegs aus diesem raum zwischen diesseits und Jenseits zu uns. nicht um zu verstehen, sondern als Folge ihres nichtseins oder nichtmehrseins oder Geradenochseins. sind diese Gedichte also der Brief, der von dort kommt, wohin du nicht mehr zurückschreiben kannst? Oder sind diese Gedichte bereits die unmögliche Antwort, „dass du schon dort bist / dass du dich schon verlassen hast“? Kim Hyesoon sagt im Gespräch mit ihren Übersetzern Uljana Wolf und Sool Park: „Dichter sind wesen, die eine apriorische Einsicht in den Tod besitzen; die ihr eigenes ende schon vorher erleben.“ Einer Aussage mit so apodiktischem Impetus zuzustimmen, scheint mir nahezu unmöglich. Aber Kim Hyesoon kann diese Aussage machen. Und ich werde ihr folgen. denn sie ist eine große Dichterin. Ihre Verse schlagen die Brücke ins Jenseits.
Gibt es eine Muttersprache des Todes? Sollte es sie geben, so erklingt sie als Dichtung in der Welt der Lebenden. Als Universalsprache, die den nationalen sprachen, in denen Menschen sich notgedrungen ausdrücken müssen, vorgelagert ist. Kim Hyesoons Gedichte sind Übersetzungen aus dieser Universalsprache in ihre koreanische Poetik.
Wenn der Tod mit einem spricht, wäre es vermessen, den Weg des Verstehens allein mit der Hermeneutik beschreiten zu wollen oder zu erwarten, dass sich der Zugang über das Bekannte und Vertraute öffnet. Nichts ist so nah, so sehr Teil des Lebens und gleichzeitig so unbegreiflich wie der Tod. Im Wunder von Kim Hyesoons Dichtung offenbart sich Sinn oft gerade im Enigmatischen. Die Texte öffnen sich, indem wir ihrem Rhythmus folgen und immer weiter und immer wieder lesen, die Bilder erschließen sich wie Weganweisungen, die erst sichtbar werden, wenn die richtige Richtung bereits eingeschlagen ist. Als wären sie – die Wegbeschreibungen – verfasst von einer Prinzessin, die das Reich ihres Vaters ablehnt und stattdessen als Fährfrau ins Jenseits teil der Unendlichkeit wird; ähnlich dem Mythos der Prinzessin Baridegi, auf den sich Kim Hyesoon in ihrer Poetik bezieht. Allerdings müssen die Lesenden keinen Kontext kennen, auch nicht den Mythos von Baridegi, um sich auf diese Lyrik einzulassen. Etwa dass der Anlass für diese Gedichte der Tod von 304 Menschen, darunter 253 Schüler beim Sewol-Fähren-Unglück im Jahr 2014, war. Oder dass in der buddhistischen tradition der Geist 49 Tage aus dem diesseits ins Jenseits braucht – der Zyklus besteht aus 49 Gedichten, die untertitelt sind mit „Tag Eins“, „Tag Zwei“ bis „Tag Neunundvierzig“. Der Band endet mit einem Langgedicht mit dem Titel „Gesicht des Rhythmus“.
Eine Auseinandersetzung mit der koreanischen Lyriktradition wäre sicherlich hilfreich, um unseren Blick zu weiten und unser Verständnis von Kanon und internationaler Literatur zu korrigieren, ist aber nicht notwendig, um einen Zugang zu Kim Hyesoon zu finden. Ihre Gedichte arbeiten sich durchaus an dieser Tradition ab, indem sie immer wieder den hohen (und wie Uljana Wolf im Gespräch zur Shortlist-Verkündung des Internationalen Literaturpreises erklärt hat), oftmals männlich dominierten Ton brechen: „Dein armer Garten. / Dein abgefuckter Garten.“ Die Verse von Kim Hyesoon schaffen es, den eigenen Referenzrahmen zu transzendieren, vielleicht weil der Tod zur universellen Erfahrung menschlicher Existenz gehört, zur Conditio humana. eine intervention in die eigene Lyriktra dition vertieft sich durch den nächsten Vers sofort zur Versprachlichung einer Todeswahrnehmung: „Dein Garten, gewachsen aus deinen zehn Fingern. / Dein Garten, lärmend vor Steingeruch.“ Der Garten ist ein Friedhof, der Körper ist die Erde, aus der die Pflanzen wachsen. Indes werden Kim Hyesoons Texte auch aufgefangen von Bezugsnetzen in der Sprache, in die sie übersetzt wird. die Übersetzung schafft ihren eigenen Referenzrahmen. Wenn es beispielsweise im Gedicht „Nichtherr – Tag Sechsunddreißig“ heißt, „Das Nicht genichtet, des Nichts genichtigt, ist der Nichtherr nicht Herr, denn allein das nicht ist der Herr des Nichts“, fügt sich der Vers in eine Suche nach einer Jenseitssprache, auch im Deutschen – man denke etwa an Meister Eckhart: „Wenn die Seele in das ungemischte Licht kommt, so schlägt sie in ihr nichts so weit weg von ihrem geschaffenen etwas in dem nichts, dass sie aus eigener Kraft mitnichten zurückzukommen vermag.“ Dass diese Gedichte, denen in ihrer Originalsprache bereits eine Übersetzungsleistung inhärent ist, einen neuen, eigenen Referenzrahmen im Deutschen bekommen können, verdanken sie der Übersetzung von Uljana Wolf und Sool Park, die aus einer Geistersprache in eine andere Geistersprache übersetzt haben. Wenn es eine Muttersprache des Todes gibt, lässt sich nicht erklären, was der Tod spricht. Aber es lässt sich übertragen durch Rhythmus und Bilder, denen die Übersetzer eine tiefe Kenntnis mitgeben – von Texten in der Zielsprache, die ebenfalls versuchen, mit dem Tod zu sprechen.
Sprecher in diesen Gedichten ist Du. Ich sage nicht „ein Du“, denn es lässt sich nicht vereinheitlichen. Es ist ein anderes Du als das „lyrische Du“, also das Gegenüber vom lyrischen Ich in einem Gedicht. Auch ist es meistens nicht das Du der Selbstanrufung. Wir haben es hier mit einem anderen Du zu tun, einem Du im Plural. Weil sich Dichter für sterbende Wesen verantwortlich fühlen, heißt es im Gespräch von Kim Hyesoon mit Uljana Wolf und Sool Park, „ist die ‚Autobiographie des Todes‘ eine Autobiographie von ‚Du‘ als Vielzahl“. Gleich im ersten Gedicht des Bandes, „Auf dem Weg zur Arbeit“, werden die Grenzen zwischen den Personalpronomen brüchig. Einstieg: „In der U-Bahn verdrehen sich deine Augen weiß. Das ist deine Ewigkeit.“ Jemand stirbt, das Sterben ist sofort der Eintritt in die Ewigkeit. Das Du ist die sterbende Person. Wer spricht sie an? Der Tod selbst? Die Sprache des Jenseits? Die Dichterin? Eine Selbstanrufung, von einer, die durch die Todeserfahrung von sich selbst getrennt wird? Später schwebt das Du über dem sterbenden Körper, und was diesseits du war, ist jetzt „sie“: „Da liegt sie nun. Wie eine Hose, die jemand weggeworfen hat.“ Kurz darauf spricht ein „ich“: „Wie erbärmlich. Einst umarmte ich sie, wie Knochen Mark / wie Büstenhalter eine Brust, umarmte ich diese Frau.“ Im Tod zerfallen wir in eine Vielzahl von Personalpronomen. Kann es sein, dass eine der wenigen wirklich existenziellen Erfahrungen, die der Mensch macht, nämlich das Sterben, nicht mehr „wirklich eine individuelle Erfahrung ist“? Eine Frage, die sich Hyesoon explizit stellt. Ihre Gedichte, jene Briefe von dort, wohin du nicht zurückschreiben kannst, kennen die Antwort.
Wenn eines der zentralen Elemente der Conditio humana nicht mehr individuell ist, sondern kollektiv, ändert das nicht sämtliche Prämissen der Organisation des Lebens? Die rechtlichen, ökonomischen, kulturellen, sogar sprachlichen Grundlagen unserer Gesellschaft sind vom Individuum her gedacht, allerdings geht dieses irgendwann im kollektiven Tod auf. wir können Milliarden Autobiographien schreiben. Es existiert nur eine einzige „Autobiographie des Todes“. Diese Dichtung und ihre Übersetzung öffnen die Sprache für diese kollektive Erfahrung, der sich ein jeder stellen muss. Das deutsche Personalpronomen „Du“ richtet sich nicht mehr allein an ein Individuum, es ist ein anderes Du jetzt, eins das um die kollektive Erfahrung des Todes weiß.
Deniz Utlu ist Schriftsteller, zuletzt erschien von ihm der Roman „Vaters Meer“ (Suhrkamp). Er hielt diese Laudatio vorgestern zur Verleihung des Internationalen Literaturpreises im Berliner Haus der Kulturen der Welt an den von Uljana Wolf und Sool Park übersetzten Gedichtband „Autobiographie des Todes“ der koreanischen Autorin Kim Hyesoon (erschienen bei S. Fischer).