Rebekka an Malte Krutzsch

(Hier folgt die ungekürzte Fassung der Laudatio, die in Übersetzen Heft 02/2025 in gekürzter Version abgedruckt ist)

Lob eines  (abwesenden) Klangkünstlers

Vielgelesen, zu selten von irgendwem wahrgenommen. Das gilt für viele von uns.

Weil uns das missfällt, hat der Freundeskreis die Rebekka ins Leben gerufen.

Mit dem Preis will er Kolleginnen und Kollegen auszeichnen, die ihren Beruf mit besonderer — langjähriger — Treue und anhaltender Liebe zur Sache ausüben: Kolleg:innen die seit vielen Jahren gut, begeistert, beharrlich und häufig schlecht bezahlt Belletristik und Sachbücher übersetzen und trotz ihrer langen Titelliste zu wenig beachtet werden – unter anderem, weil die von ihnen übersetzten Bücher selten oder nie zu jenen gehören, die im Feuilleton besprochen und mit den bereits existierenden Übersetzungspreisen geehrt werden. … Sie sind die Vielgelesenen, die durch ihre Arbeit in und an der Sprache ganz wesentlich zur Lebendigkeit unserer Kultur beitragen.

Wusstet ihr, dass der Impuls, solche Kolleginnen zu ehren, in unserem Verband Geschichte hat? Schon 1979 wurde der Hieronymusring gestiftet, gemeinschaftlich vom Verband deutschsprachiger Übersetzer und dem Rowohlt Verlag.  Als erste wurde er Susanna Brenner-Rademacher anlässlich ihres achtzigsten Geburtstags überreicht, mit dem Wunsch, ihn nach drei Jahren dann an eine Kollegin oder einen Kollegen weiterzugeben, der

»wie sie im verborgenen wirkt und nach ihrer Ansicht zu Unrecht nirgends preisgekrönt wurde«.

Susanna Brenner-Rademacher verstarb, bevor sie den Ring weitergeben konnte. Und so bat man, den Verleger und Übersetzer Heinrich Maria Ledig-Rowohlt den neuen Preisträger zu bestimmen. Er entschied sich für Kai Molvig, einen besonders stillen Vertreter seines Berufes, wie er in seiner Laudatio ausführte.  Und, man höre: Das liege nicht zuletzt an dessen großer Sensibilität, die ja für einen Übersetzer eine spezielle Stärke sei.

Der vielgelesene und unermüdliche, viel zu unsichtbare Sprachtüftler, den wir in diesem Jahr ehren, heißt Malte Krutzsch, wie Kai Molvig Übersetzer aus dem Englischen. Und wie er ein besonders stiller Vertreter seines Berufs, in dessen Werken zu lesen ist, dass große Sensibilität für unseren Beruf eine spezielle Stärke ist.

Zu ihm schreibt die Jury:

Malte Krutzsch übersetzt mit großem Gespür für die jeweilige Autorenstimme, mit sprachlicher Sensibilität und Souveränität seit vielen Jahren Kriminalromane, Essays, Erzählungen und Romane. Dabei beherrscht er die Sprache des intellektuellen New Yorks ebenso wie die des britischen Pferderennsports und so unterschiedliche Register wie die eines Charles Bukowski und einer Ruth Rendell. Zu den von ihm übersetzten Autor:innen gehören neben Dick Francis (von dem er siebenundzwanzig Romane übersetzt hat) und Woody Allen auch Josh Bazell, James Hadley Chase, Bill Clegg, Michel Faber, Felix Francis, Reif Larsen, James Meek, Joseph O’Connor und Steven Price, Ruth Rendell und Karen Russell.

1949 in Neuwied geboren, studierte MK Pädagogik und Kommunikationsforschung in Bonn und wurde Übersetzer.  Von 1978 an erschienen seine Übersetzungen im Ullstein Verlag, bei Diogenes,  S. Fischer, Kein & Aber u.v. a.m. Bestechend an seinem fast 50jährigen Schaffen ist, dass jedes Buch, das von ihm ins Deutsche gebracht wurde, von der ersten Seite an unmittelbar zu einem spricht und einen in seinen ganz eigenen Bann zieht. Was ist es an seinem Ton – den vielen so verschiedenen Tönen – , das mich als Leserin sofort gefangen nimmt? Wie macht der Übersetzer das? Was hat es auf sich mit seinem Gespür für Autorenstimmen? Worin bestehen seine sprachliche Sensibilität und Souveränität? Der Zauber seines Handwerks?

Dem will ich ein wenig nachgehen.

Wer Malte auf seine Arbeit anspricht, bekommt knappe Antworten. Man könnte wie in seinem Rebekka-Haiku meinen: Kargheit sei Programm.

Doch nach einem ausgiebigen Austausch von Mails und unserem Besuch bei ihm weiß ich: das ist nur eine Seite.

Geäußert wird nur das Treffende. Zielgenau.  Aber gedacht wird davor viel.

Denn Malte pflegt eine nicht alltägliche Beziehung zur Sprache.

Vornehmlich über Bücher und Geschriebenes. Und alle Worte werden danach abgetastet, was sie halten können und wie gut sie das Gewünschte treffen oder nicht.

Mein Eindruck wäre, dass er mehr Geschriebenem begegnet als Dingen, die im Gespräch einfach dahin gesagt werden.

Das schärft seinen Blick für das, was ein Text, den er schreibt, braucht.

Malte ist einer, der die Bücher, die er übersetzt, immer ganz liest und sich in die Figuren einfühlt, bevor er sie auf Deutsch schreibt.

Seine Texte wirken wie mit lockerer Hand verfasst, die Dialoge sitzen. Die Stimmungen werden gehalten, ob ernst oder verspielt, übermütig oder beklommen, opulent oder karg. Und übersetzt wirken sie nirgends, sondern wie auf Deutsch geschrieben. Das Ergebnis einer gelungenen Kollaboration zwischen dem Autor und dem erst lesenden, dann in seiner Sprache schreibenden Übersetzer.

So entsprechen sie dem, was man sich von einer Übersetzung wünscht: Sie enthalten nicht weniger und auch nicht mehr als das Original.

Wie gesagt – ich habe versucht, ihn nach seiner Arbeit zu befragen. Hier ein paar Beispiele aus unseren Mails:

Wie gehst du vor – eher intuitiv, oder analytisch?

Bei der Frage, ob ich analytisch vorgehe, musste ich erst mal aufstehen und lachen; also eher intuitiv.

Bei der Auftragssuche schreibe ich gern, dass ich eine Vorliebe für Icherzählungen und etwas schräge Charaktere habe, dass ich aber auch alles andere übersetze. Bei Büchern, die nicht in der Ichform geschrieben sind, schwimme ich erst mal, u. U. ziemlich lange, bei Icherzählungen bin ich schnell drin – als wäre „ich“ ein Zauberwort, und ob das Ich ein harter Bursche (Bukowski) oder eine ältere Dame ist, spielt keine große Rolle.  Alle möglichen Leute stecken ja in uns.

Er »schwimmt ziemlich lange« – während der Vorlektüre. »Alle möglichen Leute stecken ja in uns« –  Ja.  Aber man muss sie finden und zum Sprechen bringen können.

Nächste Frage: Wie sieht dein Alltag aus?

Meine Tage sind mehr von Herumtrödeln als von sonst was geprägt; auch deshalb und nicht nur wegen des Geldes bin ich froh, wenn ich was zu übersetzen habe und hänge mich rein. Es ist dann mein Lebensinhalt. Ich bin heilfroh, übersetzen zu können, vielleicht ist das die Freude, die beim Lesen rüberkommt.

Wie sehen meine Tage Wochen Monate aus? Eintönig. Ich fahre nicht weg, bekomme selten Besuch, gehe spazieren, um nicht einzurosten. Besonders gut am Übersetzen fand ich von Anfang an, dass ich dabei allein sein kann.  Auf einem Übersetzertreffen war ich noch nie, obwohl mir klar ist, dass man dabei lernen kann. U-litfor als Kontaktmöglichkeit fand ich ideal.

„Viel gearbeitet“ habe ich nie. Meistens ist nach 4 oder 5 Normseiten Schluss, da sind viele sicher schneller.

Wenn du 4-5 Seiten am Tag übersetzt – dann stelle ich mir vor, dass du jemand bist, dessen Rohübesertzung schon ziemlich überlegt ist. Recherchierst du gleich alles, sind deine Sätze in der Rohfassung schon ziemlich deutsch, oder »schreibst“ du das Buch erstmal ganz schnell in einer sehr rohen deutschen Fassung »ab«, um später Material zu haben, aus dem du deine Fassung nach und nach herausarbeitest?

Die 4 oder 5 Seiten sind Teil des täglichen „Trödelns“, es kann darüber hell und wieder dunkel werden. Nein, ich will die Seiten so haben, dass ich nur noch wenig daran zu ändern brauche und keine Lektorin, die ihre Sinne beisammen hat, noch etwas daran ändern würde, was sie natürlich trotzdem tun und wahrscheinlich sogar mit Recht. Recherchieren gehört auch mit zu diesem Zeitvertreib.

Schnelle Rohfassung und dann gewissenhaft überarbeiten ist mir völlig fremd, es würde mich verzweifeln lassen.

Erst Ende der 90er Jahre fing ich an, am PC zu übersetzen, vorher habe ich alles mit der Hand geschrieben und dann abgetippt. Viele Passagen habe ich meiner Mutter vorgelesen, die nebenan mit Malen beschäftigt war und in den 50er/60er Jahren Liebesromane für den Leihbuchhandel geschrieben hat.

Zu letzterem gleich mehr – lass mich vorher noch fragen:: Hast du bis heute Freude am Beruf?

… das Übersetzen macht mir bis heute Spaß, weil es immer wieder schön ist, wie so ein Spiegelwerk entsteht.

Außerdem muss ich arbeiten, da ich von Rente und Tantiemen allein nicht leben kann.

Spiegelwerk ist ein schönes Wort für das, was beim Übersetzen entsteht, vielleicht könnten wir dem ein wenig nachgehen, wenn wir uns unterhalten?

Das Wort „Spiegelwerk“ spricht doch für sich, es ist das Ergebnis kurzen Nachdenkens übers Übersetzen. Jede Erläuterung, die mir dazu einfiele, wäre langweiliger und verhaspelanfälliger als das Wort selbst.

Da haben wir sie wieder – die Knappheit, die Forderung nach dem richtigen Wort, die Ablehnung von Langeweile. Und in den Mails wie in seinen Übersetzungen Freude an Wortwitz, den Text belebenden Eigenbildungen, am schönen Fluss, Rhythmus und ausgefeilten Stimmungen.

Am liebsten würde ich ganze Kapitel vorlesen. Ein paar Sprachhappen kann ich euch nicht ersparen..

In »Lunte« von Dick Francis ein verfallender Schuppen:

Teile des hohen Daches fehlten. Auf der Westseite hingen die Balken alle schief und quer. Ihre Auflager waren völlig verwittert. Ein rostiger ausrangierter Traktor stand zwischen Bergen von anderem Schrott und jungen Schösslingen, die sich aus Rissen im Betonboden hoch kämpften, ein scharfer Wend blies durch die Lotterlaube, unfreundlich und kalt.

Und einmal Lakonie pur:

Amanda hatte nicht geahnt, dass das Zusammenleben mit einem Architekten Schmutz, Strapazen, und Monate ohne Einkommen bedeuten konnte; aber wir hatten uns soweit zusammen gerauft, dass sie ihre Babys haben konnte und ich meine Ruinen, beide also das, was wir zu unserer Erfüllung brauchten, und zugleich hatten wir uns soweit auseinander gelebt, dass selbst unser gegenseitiges, sexuelles Interesse zu einer, wenn auch überwindbaren Gleichgültigkeit verflacht war.

Aus »Dem Buch der seltsamen neuen Dinge« von Michel Faber, in dem jeder Satz eine Beklommenheit vermittelt, ein Gefühl von »das kann nicht gut enden«, ganz gleich wie froh, zuversichtlich, vernünftig oder von sich überzeugt die Hauptperson gerade ist, eine Passage in Kapitel 10: »Der glücklichste Tag meines Lebens«, von dem gleich noch die Rede sein wird.

Er hatte nicht schlafen können. … An diesem ersten Tag schliefen vier Oasier in seiner Nähe, und alle vier atmen so laut, dass eine grässliche Symphonie aus Saug- und Gluckergeräuschen dabei herauskam. Ihre Betten standen in einem anderen Zimmer, doch ihre Häuser haben keine schließbaren Türen, und er hörte jeden Atemzug, jeden Schnaufer, jedes zähe Schlucken.

Und zuletzt aus dem Storyband »Keinem schlägt die Stunde« von Charles Bukowski, das von abgebrühter Männercoolheit strotzt:

Kackerlapapp, sagte Harry und ging davon. Harry war vulgär.

Maltes Übersetzungen entstehen in einer alten Wassermühle, die seine Eltern in den 1970er Jahren gekauft haben, ein Traum seiner Mutter. Dort wohnte er zunächst in einem Nebengebäude. Heute lebt er im Haupthaus, allein, auf mehreren Etagen. Er sei, sagt er, als Kind eher ein Stubenhocker gewesen. Sein erstes großes Lieblingsbuch war »Huckleberry Finn«, ein Weihnachtsgeschenk vom Patenonkel 1960,  geliebt »zweifellos auch wegen der kleineren sprachlichen Eigenheiten in der Übersetzung von Ulrich Johannsen, alles wildmündlich erzählt* von Huck, dem Stromer statt hochdeutsch wie Tom Sawyer. … So was hatte ich noch nie gelesen – erst Queneaus Zazie in der Metro hat mich wieder so beeindruckt.«

Bücher und Kunst müssen im Elternhaus schon immer präsent gewesen sein – der Vater bestückte eine Reihe von Leihbüchereien in der Region um Neuwied mit Werken. Die Mutter schrieb Liebesromane für Leihbüchereien und malte.  Anfangs Buchumschläge, später als freie Künstlerin. Zur Mühle gehörte eine Galerie, in der regelmäßig Ausstellungen stattfanden. Das Gebäude steht inzwischen leer. Haus und Grund sind nur von ihm bewohnt.

In der Zurückgezogenheit konnte eine Beziehung zum Lesen und Übersetzen entstehen, die in ihrer Intensität heute etwas ganz Seltenes sein dürfte. Er lese wahllos, sagt Malte, berichtete bei Antworten auf meine Fragen aber laufend von  Autoren und  Autorinnen, mit denen er sich zu 4beraten scheint wie mit guten Freunden. In Gedanken offensichtlich, aber nicht nur.  Es gibt auch eine tägliche Praxis. So ergänzt er als Fingerübung regelmäßig Buchstabenfolgen — Zeilen aus Gedichten etwa — zu Versen, gern zu Dreizeilern. Auf diese Weise sind die Vier Haiku aus dem Video entstanden.

Und bei der Gymnastik geht er Gedichte auf Englisch und Deutsch im Kopf durch.

Ohr, Stimme, Denken, Dichten, eine gepflegte Beziehung zum Wort, die auch aus seinen Übersetzungen spricht. Nach einem solchen Übersetzer müssen sich die Verlage reißen. Sollte man meinen.

Aber seit mehr als einem Jahr bleiben die Aufträge aus.

Kommen wir also noch einmal zu Rente und Tantiemen. Wie sagte Malte?

Außerdem muss ich arbeiten, da ich von Rente und Tantiemen allein nicht leben kann.

Damit gehört auch er zur großen Gruppe der Kolleginnen und Kollegen, deren Rente trotz lebenslanger Tätigkeit nicht zum Leben reicht.

Die vermutlich, in zuträglichem Tempo, auch gern weiterarbeiten würden, um die lebenslang erarbeitete Erfahrung in die Literatur einzubringen und weiter schöne Übersetzungen zu schaffen.

Wer aber geht auf die Suche nach solchen Übersetzer:innen? Lebten wir nicht in einer durchkommerzialisierten Welt, hätte ihr Können vielleicht einen höheren Wert. Eine eigene Sichtbarkeit. Und es bräuchte keine Rebekka, um sie einmal kurz ans Licht zu heben. Sie wären gefragt, und die Literatur würde von ihnen profitieren.

Aber wie schrieb Malte so richtig?

»Truth now, trance later«.

Die Wahrheit ist eine andere.  Wunschdenken später.

Entscheidend dafür, Malte Krutzsch zur Rebekka 2025 zu küren, war die Qualität seiner Übersetzungen. Alle drei Jurymitglieder waren begeistert von seinem Können. Von seinen Lebensumständen, seinem entschiedenen Einzelgängertum, seiner Zurückgezogenheit in einem Eifeltal wussten wir nichts, sondern kannten ihn »persönlich« nur aus dem Forum,  wie so viele Kolleginnen und Kollegen, die ihm für gefundene Zitate dankbar sind.  Als wir mehr über die Umstände seines Übersetzerlebens erfuhren, hat es uns umso froher gemacht, ihm diesen Preis zu verleihen. Er steht für uns für die vielen, die als Literaturübersetzer arbeiten, weil sie eigentlich gern im Hintergrund stehen und am liebsten allein am Schreibtisch wirken – und weil der Beruf ihrer speziellen Sensibilität entspricht.

Trotzdem hätten wir ihn heute gern persönlich hier gehabt, um mit ihm diesen Preis zu feiern.  Aber das tun wir jetzt ohne ihn – und grüßen in die Wassermühle im Eifeltal.

 

Karen Nölle, 28. März 2025