(Hier folgen die Laudatio und die Dankesrede in ungekürzter Fassung, die in Übersetzen Heft 02/2025 in gekürzter Version abgedruckt waren)
Laudatio von Susanne Gretter
„Die Magie der Übersetzung“
An einem Julitag im Jahr 2008 sitzt Stefan Moster mit zweihundert Menschen in einer Schulturnhalle im finnischen Kustavi. Jedes Jahr findet dort im Sommer ein Literatur-Festival statt. Eine Woche lang wird ein Schriftsteller gefeiert, der Weltliteratur schrieb, den aber außerhalb von Finnland fast niemand kennt. Der Schriftsteller heißt Volter Kilpi, er lebte von 1874 bis 1939 und ist in Kustavi geboren und aufgewachsen.
Aus der ersten Reihe blickt Moster auf eine Sprossenwand, an der ein Tau befestigt ist. Ein Schauspieler legt es sich über die Schulter und stemmt sich hinein, als zöge er eine schwere Last.Dabei trägt er Teile der Erzählung „Der Wanderer auf dem Eis“ vor. Sie stammt aus dem zweiten Teil der Schärentrilogie, an der Volter Kilpi insgesamt dreizehn Jahre gearbeitet hat. Moster horcht auf. „Diese Sprache meinte es ernst“. Das fällt ihm sofort auf. „Sie setzte alle Mittel ein, um ihrem Gegenstand gerecht zu werden, war sich der Bedeutung von Rhythmus und Klang bewusst und wagte sich zugleich an das Pathos heran, das man nicht scheuen darf, wenn man Existentielles zu sagen hat. Zugleich besaß diese Sprache einen Ton, der aufmerken und dahinter einen eigenwilligen Geist vermuten ließ.“
Stefan Moster weiß sofort, diesen Autor will ich übersetzen. Vermutlich springt in diesem Moment bereits etwas vom Pathos Kilpis‘ auf ihn über. „Du musst das machen“, habe da jemand zu ihm gesagt. Und das sei Kilpi selbst gewesen. Es scheint fast so, als wäre Volter Kilpi allein zu diesem Zweck nach knapp siebzig Jahren noch einmal von den Toten auferstanden, um auf einer Bank in der ersten Reihe einer Schulturnhalle neben dem 44-jährigen Übersetzer aus Mainz Platz zu nehmen, ihm die Hand auf die Schulter zu legen und ihm beschwörend ins Ohr zu raunen „Du musst das machen“.
Zu dieser Zeit ist Stefan Moster bereits ein gefragter Übersetzer, einer der besten aus dem überschaubaren Kreis der Finnisch-Übersetzer. Außerdem ist er inzwischen selbst als Schriftsteller hervorgetreten. Seinen ersten Roman, „Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels“ würdigte die Literarische Welt so: er „glänzt mit klugen Weltbeobachtungen und erinnert in seiner Sprache an Joseph Conrad“.
Doch 2008 fühlt er sich Volter Kilpi noch nicht gewachsen, er muss ihn vertrösten: „Ich sagte nicht nein, aber wenn man weiß, dass man etwas nicht kann, darf man es nicht tun. Es brauchte noch zehn Jahre und ca. vierzig übersetzte Bücher, bis ich das Gefühl hatte, mit dem nötigen Rüstzeug ausgestattet zu sein“, wird Moster später in einem Interview berichten.
Ich habe Stefan Moster Anfang der Nullerjahre kennengelernt. 2003 erschien unser erstes gemeinsames Buch. Ich sage das so, denn ich spürte von Anfang an eine gewisse Komplizenschaft in der Zusammenarbeit mit ihm. Es war Petri Tamminens „Der Eros des Nordens“, das Original war bei Otava erschienen, dem Verlag von Volter Kilpi, bekannt für anspruchsvolle Literatur. Wörtlich übersetzt hieß das Buch „Falsche Einstellung“. Mit dem Titel „Eros des Nordens“ wollten wir es wohl ein wenig auf finnisch frisieren.
Und dementsprechend haben wir es promoted, mit einem „Lakonisch, Finnisch, Schräg“.
Ich gehörte zu den Verlags-Lektor*innen, die sich plötzlich für finnische Literatur interessierten, die im Windschatten der inzwischen etablierten skandinavischen Literatur aufgetaucht war. Da gab es etwas zu entdecken. Für meine neue Ambition fehlte mir allerdings jede Voraussetzung. Finnland, das waren für mich die Filme von Aki Kaurismäki mit seinen wortkargen Protagonisten. Melancholische Menschen, ausgestattet mit viel schwarzem Humor und einem Kühlschrank voller Alkohol. Ich wusste so gut wie nichts über die Geschichte der finnischen Literatur.Auch kannte ich die Sprache nicht, wusste nichts über deren Ursprung, über deren Besonderheiten in Satzbau, Grammatik. Finnisch funktioniert wie ein Baukasten, bei dem die Endungen wichtig sind, habe ich von Stefan Moster gelernt. Es gibt kein Genus, kein er, kein sie und kein es. Es gibt keine Präpositionen. Man könne sich beim Übersetzen nicht ans Original anlehnen, müsse völlig aus dem Finnischen herausgehen, ganz ins Deutsche hinein.
Stefan Moster geht bei seinen Übersetzungen immer „ganz ins Deutsche hinein“. Und so konnte ich als eine, die des Finnischen nicht mächtig war, frei zu Werke gehen. Den deutschen Text auf seine Qualität, auf seine Sprachwirkung hin betrachten. Seinen Klang, seine Tonalität wirken lassen.
Apropos Klang: Auf die Frage eines Journalisten, was denn der bisherige Höhepunkt seiner Arbeit gewesen sei, sagte Moster 2020: „Ich empfinde es als Höhepunkt, wenn ich mit Musikern zusammenarbeiten darf.“ Zwei seiner eigenen Romane handeln von Musik, er hat das Libretto für eine moderne Oper geschrieben, und im Herbst des Jahres wird ein erzählendes Sachbuch mit dem Titel „Vom Glück im Chor zu singen“ erscheinen. Ist an dem Schriftsteller und Übersetzer Stefan Moster vielleicht ein Musiker verloren gegangen? Wer weiß? Aber mit seinem musikalischen Empfinden, seinem Gespür für Rhythmus und Klang, gibt er als Übersetzer seinen Texten den je eigenen Ton mit. Seine klangliche und sprachliche Variationsfähigkeit kommt aus der Musik.
Doch zurück zu unserer Zusammenarbeit: Wie kommen wir Lektor*innen ohne Finnisch-Kenntnisse zu den Büchern, die wir unbedingt veröffentlichen sollten? Durch Empfehlungen – Empfehlungen von Menschen unseres Vertrauens. Stefan Mosters Empfehlungen zeichneten sich nie durch Überschwänglichkeit aus, als ginge es darum, den nächsten Übersetzungsauftrag an Land zu ziehen, das hatte er gar nicht nötig. Immer machte er auch auf Schwächen im Text aufmerksam.
Nicht zimperlich war er, wenn er von einem Text abriet. Als wir ihn einmal um eine rasche Einschätzung zu einem Titel baten, der auf der Frankfurter Buchmesse heiß gehandelt wurde, antwortete er prompt: „Alles ziemlich düster, streckenweise redundant, durchweg ambitioniert, passagenweise gelungen, aber durchsetzt von grauenvollen Klischees und insgesamt eher grobschlächtig zusammengehämmert. Kann sein, dass ein echter Krimi-Enthusiast das trotzdem einigermaßen erträglich findet, mir ging es v.a. dort, wo es Längen hatte und erst recht dort, wo es einen auf schwer maskulin machte, ziemlich auf den Geist. Positiv ausgedrückt: Der Autor hat Technik und Erzählökonomie noch nicht ganz im Griff, ist aber schwer beeindruckt von sich selbst und unerschütterlich in der Überzeugung, Großes geleistet zu haben.“
Das Buch ist ein Jahr später in einem anderen Verlag erschienen, gehört hat man nichts mehr davon.
Von mir aus gesehen fielen die ersten Jahre unserer Zusammenarbeit in einePionierzeit der neuen finnischen Literatur im deutschen Sprachbereich, die natürlich nicht nur bei Suhrkamp erschien.
Stefan Moster gab Petri Tamminens „Verstecken“ (2005) poetische Zartheit. (Während wir etwas gröber von dessen lakonisch-melancholisch-finnischem Humor sprachen.) Er versah den dialoglastigen Kriminalroman „Schwarzer Himmel“ (2012) des finnischen Erfolgsautors Tapani Bagge mit dem passenden forciert amerikanischen Slang. (Wir verkauften ihn mit einem „Cool, dreist, finnisch“.) Er gab der arbeitslosen Protagonistin von Mikko Rimminens „Der Tag der roten Nasen“ (2014) einfühlsam und tastend ihre Sprache wieder, holte sie aus ihrer wortkargen Einsamkeit zurück. Er folgte Rosa Liksom, die in ihrer postmodernen Satire „Crazeland“ (1999) gleich drei verschiedene Dialekte einsetzte. Und fand dafür eindringliche deutsche Entsprechungen. Eine übersetzerische Herausforderung, die er bravourös meisterte.
Während wir in den Verlagen Stefan Mosters Vermittlungsarbeit also noch flapsig konterkarierten und uns bemühten, aus jeder Autorin und jedem Autor einen „Kaurismäki der Literatur“ zu machen, hatte sich gezeigt, dass es sich bei der finnischen Literatur, die er uns vorschlug, um europäische, um Weltliteratur handelt.
2014 wurde dem auch Ausdruck gegeben: Finnland war das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. 220 Neuerscheinungen hatten die Finnen im Gepäck, ich habe Stefan Moster nicht gefragt, wie viele davon er übersetzt hat.
Ich sage es etwas pathetisch, aber Pathos ist hier angebracht: Ohne Stefan Moster hätte dieser Auftritt nicht stattgefunden. Ohne seine Vermittlung hätte sich die finnische Literatur auf dem deutschen Buchmarkt nicht in so kurzer Zeit etablieren können. (Ich weiß, er würde mir jetzt gern widersprechen.)
2018, also zehn Jahre, nachdem Stefan Moster beim Literatur-Festival in KustaviKilpis Auftrag vernommen hat,fragt ihn der Verleger Nikolaus Gelpke nach dem maritimen Klassiker der finnischen Literatur. Das ist die Gelegenheit! Es ist dem mare-Verlag und seinem Verleger hoch anzurechnen, dass er Stefan Mosters Vorschlag nachgegangen ist und „Im Saal von Alastalo“ 2022 publizierte.
Wie gewaltig diese übersetzerische Herausforderung gewesen sein muss, geht schon aus dem Brief hervor, den Volter Kilpi 1931 an seinen Verleger bei Otava schreibt, in dem er ihm ein neues Manuskript ankündigt. „Das Buch wird kein Roman, sondern eher ein Epos in Prosa“, schreibt er. Es sei eine „panoramahafte Schilderung des Lebens im südwestfinnischen Schärengebiet“ und er hoffe, „dass für die Leser nach und nach die ganze Gegend mit ihren charakteristischen Menschen und allen Facetten des Lebens … lebendig Gestalt annimmt und mit Händen greifbar wird.“ Aber er warnt auch gleich: „Meine Prosa ist nicht logisch und rational, sondern dithyrambisch und rhythmisch expressiv. Eine leichte Lektüre wird mein Buch nicht werden …“
Die „Facetten des Lebens“, von denen Kilpi spricht, entfalten sich in einem Raum von etwa 55 qm, in dem 28 Männer zusammenkommen, um über den Bau einer Bark zu verhandeln. Ein Dreimaster, der hochseetauglich ist und der ihnen und ihrem finnischen Schärenort zu Wohlstand verhelfen soll. Bis zu dem Punkt, an dem sie sich einigen und den Vertrag zum Bau der Bark unterschreiben, vergehen sechs Stunden – der Roman endet in der Übersetzung nach mehr als tausend Seiten. Viel mehr passiert oberflächlich betrachtet nicht. Es gibt genau genommen und im üblichen Sinne: keine Handlung. Aber: die Männer beäugen sich, machen sich ihre Gedanken, über sich, über die anderen, über Gott und die Welt. Und da, wo sich das abspielt, in ihrem inneren Monologisieren, da findet die eigentliche Handlung statt, sie überschlägt sich förmlich. Allein die Überlegungen, die einer der Männer über fast 100 Seiten bei der Wahl der richtigen Pfeife anstellt, erzählen eine ganze Lebensgeschichte, entwickeln einen ganzen Kosmos, und den seiner anwesenden Kollegen gleich mit.
Weil die 28 Männer, die hier zusammenkommen, Seefahrer, dazu Fischer und Bauern sind, stößt man in diesem Roman auf Fachbegriffe aus der Welt der Seefahrt, Fischerei und Landwirtschaft. Und weil der Roman zwar mit den literarischen Mitteln des Modernismus arbeitet, mit inneren Monologen und Bewusstseinsströmen, wie wir sie von James Joyce kennen, diese Geschichte sich aber nicht, wie „Ulysses“, am 16. Juni 1904 in Dublin abspielt, sondern an einem Herbsttag des Jahres 1864 in den finnischen Schären, benutzen die Männer Wörter, die man heute gar nicht mehr kennt. Sie sprechen in einem in Vergessenheit geratenen Dialekt. Und weil der Autor – wie Stefan Moster in seinem Nachwort schreibt – im Umgang mit dem Finnischen „von geradezu hemmungsloser Kreativität“ ist, die „Wortarten wechselt, wie es ihm passt, in seinen mäandrierenden Sätzen einen umfangreichen Wortschatz aktiviert und – wo ihm das nicht gelingt – neue Wörter bildet“, wartet auf den Übersetzer eine schier unlösbare Aufgabe.
Wie umgehen mit diesen Sätzen, die länger sind als „jeder Satz, den jemals ein Schriftsteller in Finnland verfasst hat“? Mit Satzkonstruktionen, die doppel- oder gar mehrdeutig sind? „Ein paar Mal habe ich einen ganzen Monat mit einem einzigen Satz gerungen, bis er sich so fügte, wie er sein sollte“, verrät Stefan Moster.
Er recherchiert, liest Literatur über die Schifffahrt, die Geschichte der Schären. Er muss Wort-Archäologie betreiben, er ist viel in Archiven unterwegs. In Helsinki gibt es ein Dialektmuseum. Er wälzt Wörterbücher. Aber: Wörter und Begriffe, die es im Finnischen nicht gab, kann es eigentlich auch nicht im Deutschen geben, er muss sie erfinden, außerdem müssen sie klanglich funktionieren. Klang und Bedeutung der Wörter sind nicht voneinander zu trennen. Herrliche Begriffe wie „Gesichtsmöbel“ (für die Pfeife), „Kopfknäuel“, „Verstandeskahn“, „Mundbravheit“, „fläuseln“ (wie die Flöte eines Engels) fallen dem Wortschöpfer und Klanggeber ein.
Drei Jahre hat Stefan Moster an dieser Übersetzung gearbeitet. „Was mich mit der Dauer am meisten versöhnte, war der Gedanke an den Verfasser und an das Glück der Leser*innen“, sagt er.
Als das Buch erschien, schrieb Aldo Keel in der NZZ: „Was für ein Fest der Sprache! Seite um Seite überrascht uns Kilpis rhythmisch expressive Prosa aufs Neue mit wilden Metapherketten, kunstvoll gedrechselten Satzgirlanden, Wortschöpfungen und einem Wortschatz Shakespeare’schen Umfangs. Ein Bravourstück übersetzerischen Könnens.“
„Ich verfüge über einen solchen Wortschatz gewiss nicht“, merkte Stefan Moster an. „Für die Dauer der Übersetzung von Kilpis Roman verfügte ich aber offenbar doch darüber.(…) Das ist die Magie der Übersetzung.“
Im Herbst erscheint im mare Verlag der dritte Teil der Schären-Trilogie: „Zur Kirche“. Für das Glück von uns Leser*innen ist gesorgt. Im „Saal von Alastalo“ saßen die Männer sechs Stunden zusammen. Drei Stunden dauert es jetzt, bis das Kirchboot an einem Sonntag die Schärenbewohner auf ihren Inseln eingesammelt hat und sie nach Kustavi zur Kirche übersetzt.
Lieber Stefan, ich wünsche Dir beim Übersetzen noch viele magische Momente und gratuliere Dir ganz herzlich zum Johann-Heinrich-Voß-Preis.
***
Dankesrede von Stefan Moster
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Mitglieder der Jury, liebe Susanne,
wenn ich Seminare für Menschen gab, die sich dafür interessierten, Literatur aus dem Finnischen zu übersetzen, aber noch nicht mehr als erste Erfahrungen gesammelt hatten, fing ich immer damit an, dass ich ein Gedicht austeilte und darum bat, es innerhalb von fünf Minuten ins Deutsche zu übersetzen. Oft entschied ich mich für eine Haiku-artige Miniatur des Dichters Risto Rasa, die aus sieben gängigen Wörtern besteht und folgendermaßen lautet:
Tyyni lahti.
Yhdessä tuhat purjetta
odottaa tuulta.
Eine aus meiner Sicht akzeptable Übersetzung wäre:
Stille Bucht.
Tausend Segel warten
gemeinsam auf Wind.
Sie hören: sehr einfach. Ein schlichtes Bild. Nichtsdestotrotz herrschte im Raum große Aufregung, wenn die Seminarteilnehmer:innen sich an die Übersetzungsarbeit machten. Sie rechneten mit einer Tücke, dachten, ich hätte ihnen eine versteckte Schwierigkeit untergeschoben.
Das war freilich nicht der Fall, ich wollte ihnen nicht in sadistisch-didaktischer Manier vor Augen führen, wie anspruchsvoll das Übersetzen selbst scheinbar simpler Texte sei. Mir ging es um etwas völlig anderes.
Nach fünf Minuten ließ ich alle der Reihe nach ihre Übersetzungen vorlesen. Dabei ergab sich jedes Mal das gleiche Bild: Bei zehn Teilnehmern hörten wir zehn verschiedene Versionen. Oder wenigstens acht. Und dies bei einem vollkommen transparenten Text von sieben Wörtern.
Die Gründe sind nachvollziehbar: Das Wort „tyyni“ heißt eigentlich nicht „still“, sondern „windstill“, aber dies auch wieder nicht ganz, weil es z. B. auch eine unbewegte Wasserfläche bezeichnet und außerdem verwendet werden kann, um Ausgeglichenheit oder Gelassenheit auszudrücken. Des weiteren sind Fragen bezüglich der Wortstellung zu beantworten, insbesondere die, ob der sich über die zweite und dritte Zeile erstreckende Satz tatsächlich komplett unauffällig gebaut ist oder nicht doch in seiner Wortfolge eine kleine Abweichung von der Konvention aufweist, und dann muss man sich noch fragen, ob man den bestimmten Artikel einsetzt und wenn ja, ob vor Bucht und Wind oder ob nur vor Bucht oder nur vor Wind.
Nun, es kamen alle Varianten zur Anwendung, und meine Absicht bestand nicht darin, zu zeigen, welche die einzig wahre wäre, sondern dass es so viele Varianten wie Übersetzerinnen gab. Meine Botschaft an jede Einzelne von ihnen lautete: Du übersetzt. Du, so wie du bist, mit allem, was du mitbringst, mit deinem Sprachgebrauch, mit deiner Leseerfahrung, mit deinem Literaturbegriff, mit deiner Sicht der Welt, mit deinen Wahrnehmungen und Empfindungen. Du als Individuum.
Dies nämlich ist der Ausgangspunkt des Übersetzens: Die Erkenntnis, dass ich es bin, der übersetzt, ich in meiner Individualität.
Diese Tatsache lässt sich nicht übergehen oder tilgen. Damit muss man leben, und das bedeutet, dass man sich bewusst macht, wer man als übersetzender Mensch ist, wozu man neigt und wozu nicht, was man gut kann und was nicht so gut, welche literarischen Landschaften man durchwandert hat und welche nicht. Wer nur die Südtiroler Alpen kennt, sollte nicht vorschnell urteilen, wenn er zum ersten Mal die norddeutsche Tiefebene besichtigt, sondern deren Reize peu à peu entdecken, bevor er sich über Flachheiten auslässt.
Viele neigen intuitiv dazu, den Übersetzer als eine neutrale Instanz zu sehen, als Funktionsmechanismus, in den der Originaltext eingespeist wird und aus dem er adäquat transformiert wieder herauskommt. Zumindest gehen sie davon aus, dass die Eigenheiten des Übersetzers hinter der Eigenheit der Autorin verschwinden soll. Und in der Tat: Meine Aufgabe besteht darin, dem Werk einer anderen Person zu dienen. Das aber geschieht nicht durch Zurücknahme meiner Person, sondern im Gegenteil durch die Aktivierung meiner persönlichen Kapazitäten: Indem ich meine individuelle Sprachkraft einsetze, sie aber nach den Vorgaben des zu übersetzenden Textes reguliere. Manchmal muss ich mich zügeln, weil es mich zu einer rilkeschen Formulierung drängen würde, die jedoch so wenig ins Original passt wie ein Panther in die Voliere. Manchmal muss ich mich anspornen, weil der Ausgangstext sich in Höhen schwingt, in die ich mich aus eigenem Antrieb nicht wagen würde. Immer bin ich voll und ganz involviert, immer gebe ich alles, was ich zu bieten habe – allerdings mit der Absicht, am Ende vollkommen unsichtbar zu sein.
Das ist zweifellos paradox. Wie so manches, was mit dem Übersetzen zu tun hat. Das Erstaunlichste am Übersetzen ist ja auch, dass es funktioniert, obwohl so vieles dagegen zu sprechen scheint.
Für das Übersetzen spricht vor allem seine Notwendigkeit. Wäre die Literatur für mich als junger Mensch nicht von unmittelbarer, konkreter, existenzieller Bedeutung gewesen, wäre ich nicht Übersetzer geworden. Hätte ich es nicht schon immer und gewissermaßen instinktiv für sinnvoll gehalten, zu erfahren, wie in anderen Kulturen auf die Welt und auf den Menschen geschaut wird, wäre ich nicht Übersetzer geworden. Übersetzen ist angewandter Idealismus, der auf der Überzeugung beruht, dass sich die Anstrengung der Empathie und die Mühen des Verstehens lohnen. Sie hören: Hier spricht ein älterer Mensch, dem vielleicht gerade noch die Erfahrung erspart bleiben wird, von der KI überflüssig gemacht zu werden, und der rechtzeitig in die ewigen Jagdgründe eingehen wird, bevor die Völkerverständigung auf diesem Planeten vollends abgeschafft worden ist. Hier spricht allerdings auch einer, der sich weigert, seinen Idealismus aufzugeben, und sich darum weiterhin mit voller Energie der Aufgabe des Übersetzens, der Arbeit an der Empathie widmet.
Das klingt nun so, als hätte da einer unbedingt diesen Beruf ergreifen wollen. Die Wahrheit lautet: Ich wurde Übersetzer, weil ich in allem anderen gescheitert bin. Vor allem aber, weil ich eigentlich Schriftsteller werden wollte, mir dies aber zu anmaßend vorkam. Ich empfand es als einen Verstoß gegen das Demutsgebot, meine eigenen Wortschöpfungen unter die Leute zu bringen, wohingegen das Übersetzen zu bedeuten schien, Literatur in der Rolle des Dienenden machen zu dürfen.
Damals ahnte ich nichts von der Anmaßung, die beim Übersetzen nötig ist. Denn wie sollte man sonst zu der Überzeugung kommen, die geeignete Person zu sein, ein wertvolles literarisches Werk so zu übertragen, dass deutschsprachige Leserinnen und Lesern ein Lektüreerlebnis haben, das dem finnischer Leserinnen und Leser gleicht?
Von der Verantwortung, die man beim Übersetzen auf sich lädt, ganz zu schweigen.
Ohne Anmaßung kommt man auch beim Übersetzen nicht aus, bloß paart sie sich hier mit der Demut auf eine Weise, wie es nicht eben in jedem Lebensbereich der Fall ist.
Schickt man sich an, Literatur zu übersetzen, stößt man gleich zu Beginn auf ein Problem, das sich auch mit der Bereitschaft zur Anmaßung nicht leicht lösen lässt: Man weiß nicht, ob man es überhaupt kann. Eine Fremdsprache zu beherrschen ist eine Sache, aber der komplexe kognitive Vorgang des Übersetzens ist etwas anderes. Zwischen Neigung und Begabung besteht gewiss ein Verbindung, aber identisch sind die beiden nicht, und die Begabung zum Übersetzen äußert sich nicht so unmissverständlich wie zum Beispiel Musikalität oder das Talent zum Zeichnen. Man muss die Begabung erst entdecken. Und jemand muss einem dabei helfen.
Wenn ich in meinen Seminaren für junge Übersetzende ausgerechnet ein Gedicht von Risto Rasa zum Einstieg wählte, dann nicht nur wegen dessen Transparenz, sondern wohl auch aus alter und überaus bedeutsamer Verbundenheit, denn der erste finnische Text, den ich selbst jemals übersetzt habe, war eine schlichte Miniatur desselben Dichters. In einem Universitätsseminar zur finnischen Lyrik ließ uns die Professorin hin und wieder einzelne Gedichte übersetzen. Eines von Risto Rasa wartete in der letzten Zeile mit einem kniffligen Übersetzungsproblem auf. Der Grund lag in der Verschiedenheit der Sprachen. Wenn bestimmte Möglichkeiten der finnischen Grammatik ausgereizt werden, kann man dem im Deutschen kaum beikommen, ohne dass es umständlich klingt.
Natürlich habe ich die vor fünfunddreißig Jahren mit der Hand geschriebene Übersetzung des Gedichts in meinen Unterlagen nicht mehr finden können, aber ich erinnere mich an den kniffligen Schluss. Es geht in dem fünfzeiligen Text darum, dass jemand mit dem Tretschlitten einen Winterweg entlang fährt, vermutlich auf einen zugefrorenen See hinaus, bis er das Gefühl hat, weit genug von allem entfernt zu sein. Dann heißt es: „ich setze mich auf den Schlitten, schließe die Augen, / überlasse die Führung dem Licht.“
Jedenfalls hieß es so in meiner Übersetzung, die ich mit der gebotenen Schüchternheit und etwas lampenfiebriger Stimme vorlas, denn ich wusste, dass ich in der letzten Zeile etwas riskiert hatte, indem ich von der wörtlichen Entsprechung abgewichen war – zugunsten des Atmosphärischen und des Poetischen. Und tatsächlich reagierte die Seminarleiterin, die selbst Lyrikübersetzungen veröffentlicht hatte, darauf. Sie zuckte zusammen und sah mich mit durchdringendem Blick an, fast so, als hätte ich etwas Ungehöriges getan.
Durchaus möglich, dass sie mich lobte, daran kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ihr erstaunter Blick ist mir im Gedächtnis geblieben, weil ich darin den Ursprung meiner beruflichen Laufbahn sehe. Der Blick sagt: Du hättest eventuell das Zeug dazu.
Neulich besuchte ich eben diese Frau, der ich den entscheidenden Blick verdanke. Sie wird dieses Jahr 90, über lange Jahre haben wir bei verschiedenen Projekten zusammengearbeitet, sogar einen Lyrikband gemeinsam übersetzt. Immer hat sie sich dafür interessiert, was ich mache, woran ich arbeite, auch jetzt, bei meinem Besuch. Es hätte nahe gelegen, ihr von der bevorstehenden Verleihung des Johann-Heinrich-Voß-Preises zu berichten. Allein ich konnte es nicht. Es lag mir auf der Zunge, aber es wäre mir gewissermaßen kleinlich vorgekommen, und ich glaube, das hatte damit zu tun, dass ich das, was sie für mich getan hat, für so viel größer halte als selbst diesen Preis mit seinem einschüchternd großen Namen.
Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich will hier keineswegs geringschätzig erscheinen. Aber es ist gut, die Dinge im Leben in die richtige Ordnung zu bringen, zumal wenn es um Dankbarkeit geht. Außerdem kann ich Ihnen versichern, dass ich für die Auszeichnung, die mir heute verliehen wird, äußerst dankbar bin. Und nicht nur das. Ich freue mich auch sehr darüber.