Finnischer Staatspreis an Elina Kritzokat

Elina Kritzokat Foto © Antje Pehle

Finnischer Staatspreis an Elina Kritzokat

(Hier finden Sie die ungekürtze Fassung der Laudatio von Generaldirektorin Riitta Kaivosoja vom finnischen Ministerium für Bildung und Kultur sowie Elina Kritzokats Dankesrede zur Verleihung des Finnischen Staatspreises, zu der im Übersetzen-Heft 01/2020 die Pressemitteilung abgedruckt wurde.)

Laudatio (Riitta Kaivosoja)

Literaturexport wäre ohne Übersetzerinnen und Übersetzer nicht möglich. Aus einem relativ kleinen Sprachgebiet wie Finnland schafft es kein Buch heraus, ohne dass eine fähige Berufsübersetzerin es in eine andere Sprache überträgt und einem neuen Lesepublikum so eine Kostprobe der finnischen Literatur bietet.

Die Deutsch-Finnin Kritzokat ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat jedoch aufgrund ihres zweisprachigen Hintergrunds eine besondere Beziehung zu einer zweiten Sprache geerbt: dem Finnischen.

Sprachkenntnisse allein machen jedoch noch keine Übersetzerin. Dafür braucht es zusätzlich Sprachgefühl, eine Leidenschaft für Literatur und Texte, die Fähigkeit, zwischen den Kulturen zu vermitteln, Geduld, Flexibilität – und eine gute Ausbildung.

Dies alles hat Elina Kritzokat bewiesen, diese Fähigkeiten hat sie sich angeeignet und sich zudem stets aktiv weitergebildet.

Elina Kritzokat begann ihre Laufbahn als professionelle Übersetzerin im Jahr 2001. Bald darauf kam sie als Praktikantin im Rahmen von FILIs Übersetzerprogramm nach Helsinki, wo ihre Karriere langsam Fahrt aufnahm. Bis heute hat sie mehr als 50 Übersetzungen veröffentlicht, und ihr Repertoire könnte größer nicht sein: Romane, Kurzgeschichten, Kinder- und Jugendliteratur, Lyrik, Comics, Essays, Theaterstücke, Untertitel und Sachbücher.

Besondere Erwähnung finden soll hier der Roman Lempi, das heißt Liebe von Minna Rytisalo, der im letzten Jahr erschien und sich in Deutschland schnell zu einem Verkaufserfolg entwickelte – nicht eben alltäglich für ein finnisches Buch im Ausland. Ähnliches lassen die neuen Übersetzungen der „Kepler“-Reihe von Timo Parvela erwarten, die der deutsche Verlag ja in diesem Herbst mit großem Einsatz auf den Markt brachte.

Neben der Gegenwartsliteratur ist es Elina Kritzokat gelungen, das deutsche Lesepublikum mit modernen Klassikern der finnischen Literatur bekannt zu machen, darunter etwa Marja-Liisa Vartio und Raija Siekkinen. Ihre guten Kontakte zu deutschen Verlagen und ihre aktive Tätigkeit auf dem Buchmarkt haben schon vielen finnischen Werken zu einem deutschen Verlagsvertrag verholfen, nachdem sie sich für sie begeistert und die Bücher zur Aufnahme in das Verlagsprogramm empfohlen hatte.

Elina Kritzokat ist zudem für ihr kluges, witziges und charismatisches Auftreten bekannt. In ganz Deutschland hat sie zahlreiche Lesungen, Interviews und moderierte Auftritte mit Dutzenden finnischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern ausgerichtet und dabei immer wieder auch gedolmetscht. Daneben hielt sie Vorträge, leitete Seminare und setzte sich aktiv für die Weiterentwicklung des eigenen Berufsfelds ein – auch über die Übersetzertätigkeit hinaus.

(Übersetzung von Claudia Nierste)

 

Dankesrede (Elina Kritzokat)

Sehr geehrte Ministerialdirigentin Riitta Kaivosoja, sehr geehrte Repräsentanten von FILI, liebe Kollegen und Freunde!

Ich habe diese Gedanken im Zug von Kemi nach Helsinki notiert, von wo ich weiter nach Berlin gereist bin. Dieser Transit von Finnland nach Deutschland ist einer, der mein Leben schon von Kindheit an bestimmt hat – wenn meine finnische Mutter und mein deutscher Vater am Ende eines Mökki-Sommers wieder mit uns drei Kindern nach Deutschland reisten –, und der sogar auch in meinen nächtlichen Träumen eine Rolle spielt: Ich fahre von hier nach dort, beides gehört zu mir, ist existenziell wichtig.

Ich habe diesen Transit zu meinem Beruf gemacht. Am meinem Schreibtisch verbinden sich die zwei geografischen und kulturellen Pole meines Lebens und bringen trotz aller Mühe, die diese Arbeit macht, eine große Sinnhaftigkeit und Ruhe in mein Leben. Ich glaube, es gibt unter ÜbersetzerInnen immer gemeinsame Gründe, warum man diese Arbeit liebt, etwa das Interesse, kreativ mit Sprache und ihren Ausdrucksmöglichkeiten umzugehen, aber immer auch individuelle Gründe. Bei mir beruhigt das Übersetzen eine Spannung zwischen zwei Seiten oder Polen, holt etwas von dort nach hier und baut damit eine Brücke nicht nur allein für mich selbst, sondern auch für andere, die deutschsprachigen LeserInnen, und stiftet damit Kommunikation und Verbindung – ein weiterer Punkt, der mir sehr wichtig ist. Denn anders als etwa die Kunstformen Musik, Malerei und Fotografie braucht die Literatur jeder Sprache ja eine Übersetzung, um auch für Menschen anderer Sprachen erlebbar zu werden.

Mit dem eben beschriebenen geografisch-kulturellen „Pol-Ausgleich“ und dem Kommunikationsstiften schafft Übersetzen für mich also sowohl persönlichen als auch überpersönlichen Sinn. Und ich freue mich immer sehr, wenn deutsche Leser und Kritiker finnische Bücher entdecken. Beim Transfer des Übersetzens denke ich übrigens stets auch die deutschen Leser mit; ich achte z.B. darauf, für deutsche Leser kulturell schwer verständliche Dinge sanft etwas „erklärter“ darzustellen, schreibe vielleicht einen unaufdringlichen Halbsatz dazu, damit der Transfer zwischen Finnland und Deutschland auch wirklich gelingt, überpersönlich ist und damit möglichst alles vom Inhalt „ankommt“.

Was bedeutet nun dieser Preis für mich? Er belohnt etwas, das ich nicht geplant habe, das sich für mich aber vom ersten Moment an stimmig angefühlt und als berufliches Glück erwiesen hat, mit einem starken, offiziellen Signal von außen. ÜbersetzerInnen arbeiten fleißig und engagiert für etwas, das angesichts ihres Ausbildungsgrades und der Komplexität ihrer beruflichen Tätigkeit gering bezahlt wird, obendrein werden sie dabei auch noch wenig wahrgenommen und erhalten selten Feedback für ihre Arbeit. Wer also diese Arbeit tut, muss schon wirklich leidenschaftlich sein und eine starke Liebe für Literatur und ihren sprachlichen Transfer von einem Land ins andere hegen. Mit diesem Preis macht das finnische Opetus- und Kulttuuriministeriö (etwa: Bildungs- und Kultusministerium) also einen wunderbaren Moment lang sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt: unsere Arbeit. Ja, unsere, auch die meiner KollegInnen, denn auch andere kriegten und kriegen diesen Preis, und mitgemeint sind, so empfinde ich das, ALLE, die diese Arbeit mit Verantwortungsbewusstsein und Feingefühl tun – denn wir arbeiten ja alle zusammen an derselben Sache! Ohne unsere Arbeit und unser Engagement wären die Bücher von finnischen Autoren wie, nur zum Beispiel, Leena Krohn, Raija Siekkinen, Minna Rytisalo, Miika Nousiainen oder auch die Bücher über Tatu und Patu in anderen Sprachräumen unbekannt. Die Familie einer Freundin hat übrigens nach den auch in Deutschland beliebten Tatu-und-Patu-Büchern ihren kleinen Hund benannt, und so wird nun in Berlin-Prenzlauer Berg oft „Patu!, Patu!“ gerufen – einmal kamen zwei Finnen angelaufen und fragen, woher meine Freundin diesen Namen hätte. Ist doch wohl klar: Aus den Büchern von Aino Havukainen und Sami Toivonen.

Übersetzen ist für mich nicht nur ein sprachlicher Akt, sondern vor allem ein Akt von Empathie und Liebe. Ich lese, höre und fühle die Stimmung, den Rhythmus, das Stilregister eines Textes, nehme seine ganz besondere Individualität bewusst wahr, gehe auf inhaltlicher Ebene tief mit ihm mit, durch die Abenteuer und Konflikte der Figuren hindurch, und erschaffe das Ganze dann auf Deutsch neu, damit auch andere es entdecken und sich darin vertiefen können. Damit sie etwas Ähnliches erleben können wie die finnische Autorin, wie ich. Denn Lesen bedeutet ja nachzufühlen, sich in eine bestimmte Welt hineinzuversetzen, sie in sich selbst lebendig werden zu lassen und damit in den Dialog mit dem Autor und auch mit mir zu treten. Ja, durch das Schaffen von Literatur vonseiten der AutorInnen, durch das Wiedererschaffen durch uns ÜbersetzerInnen, und schließlich durch das Aufnehmen seitens der LeserInnen sind wir alle in einem drei-seitigen kommunikativen Akt des Austauschs miteinander verbunden.

Ich selbst brauche diesen Austausch mittels Kunst sehr, wir brauchen ihn wahrscheinlich alle, um andere und uns selbst zu verstehen, um Trost, Begeisterung, Staunen, Spannung, Erleichterung und vieles mehr zu fühlen und zu sehen: All das ist Menschsein. Ich finde es großartig und klug, dass dieses Land die ÜbersetzerInnen seiner Literatur mit einem wichtigen Preis belohnt. Auch ohne ihn hätte mir die Arbeit, die viel Disziplin und Ausdauer verlangt, weiterhin Freude bereitet, aber so, mit diesem Moment der Anerkennung, ist es nochmal motivierender.

Ich freue mich immer, wenn KollegInnen, deren Übersetzungen ich schätze, einen Preis erhalten, der bestenfalls nicht nur mit einem warmen Handschlag, sondern auch konkret mit Geld einhergeht. Jetzt bin ich zum ersten Mal in meinem Leben selbst an der Reihe. Ich bin dankbar denjenigen gegenüber, die diesen Preis einst ins Leben riefen, und denjenigen, die ihn mir dieses Jahr verleihen. Als ich den Anruf mit der Information bekam, musste ich vor Freude laut lachen. Der Anruf kam in einer Zeit, in der ich besonders viel gearbeitet habe, und schien mir eine wunderbare Belohnung zu sein – die aber nicht nur für die Preisträgerin persönlich, sondern auch kulturpolitisch ein wichtiges Signal darstellt: Dafür, wie elementar wichtig es ist, was wir ÜbersetzerInnen tun; nämlich den sprachlichen, inhaltlichen, ästhetischen, emotionalen und kulturellen Transfer von Literatur zu leisten und diese Literatur damit für LeserInnen anderer Sprachen überhaupt erst rezipierbar zu machen.

Ich bin dankbar: dem Opetus- und Kulttuuriministeriö, FILI (Finnish Literature Exchange, Helsinki), das meinen Weg als Übersetzerin mitverfolgt hat, den finnischen AutorInnen, die ihre Texte vertrauensvoll in meine Hände gelegt haben, den finnischen Verlagen und Agenturen, mit denen ich immer gut zusammenarbeite, den deutschen Verlagen, die finnische Literatur verlegen, meinen sprachgenauen deutschsprachigen LektorInnen, meinen KollegInnen in Deutschland und in Finnland, die mich verstehen und inspirieren, den Veranstaltern, die von mir übersetzte Autoren und mich mit deutschsprachigem Publikum zusammengebracht haben (hier sind vor allem das Finnlandinstitut und die Finnische Botschaft zu nennen), den engagierten Buchhändlerinnen, die finnische Bücher empfehlen, und nicht zuletzt meiner Familie und meinen Freunden: dafür, dass sie meine Leidenschaft für Bücher, Sprache und Kommunikation sehen, teilen und mich begleiten.

Finnland und seine Kultur und Mentalität bereichern mein Leben, und ich bin froh, mit meinem Beruf etwas von Finnland nach Deutschland bringen und damit sprachüberschreitenden Austausch stiften zu können. Darüber, dass diese Arbeit nun mit einem Preis gewürdigt wird, freue ich mich sehr.

Vielen, vielen Dank!